ESCH-ALZETTE
CLAUDE KARGER

Covid-19-Krise schlägt auch auf die Berufsausbildung durch – „Chambre des Salariés“ und „Chambre des Métiers“ mit gemeinsamer Förderkampagne

Es sind unsichere Zeiten für Unternehmen. Angesichts der Auswirkungen der Covid-19-Krise, die immer noch schwer einzuschätzen sind, stehen Sparen und  - wenn überhaupt – vorsichtige Investitionen bei vielen Betrieben auf der Tagesordnung. Reflexe, die unweigerlich Auswirkungen auf deren Personalpolitik haben. Im Handwerk, das jedes Jahr im Durchschnitt rund 1.700 junge Leute über den dualen Bildungsweg ausbildet, schlägt sich das auch auf die Bereitschaft nieder, Lehrverträge abzuschließen.
„Die Betriebe zögern derzeit, auszubilden“, fasste „Chambre des Métiers“-Präsident Tom Oberweis gestern bei einer Pressekonferenz im Guillaume Kroll-Lyzeum in Esch-Alzette die Resultate einer Blitzumfrage zusammen, welche die Berufskammer zwischen dem 25. und dem 30. Mai bei ihren Mitgliedern durchführte. 54 Prozent der ausbildenden Handwerksunternehmen sehen für da laufende Jahr weniger Einstellungen vor. Bei den nicht-ausbildenden Betriebe hat rund die Hälfte ihre Einstellungspläne gestoppt und 28 Prozent sind noch unentschieden.  Oberweis sprach von einer „besorgniserregenden Tendenz“.

Breit angelegte Kampagne

Denn wenn das Angebot von Lehrstellen dahin schmelze, stehe die Zukunft der Jugend, des Handwerks, ja gar der Gesellschaft auf dem Spiel. Die „Chambre des Métiers“ will deshalb gemeinsam mit der „Chambre des Salariés“ eine breit angelegte Kampagne fahren, um die Unternehmen weiter zur Ausbildung anzuspornen und das Interesse für die Berufsausbildung zu fördern. Auch das nimmt nämlich ab. Laut den Statistiken der ADEM hatten zum 1. Juli 1.286 Personen einen Antrag für eine Lehrstelle eingereicht, zum 1. Juli 2019 waren es 1.986. Auch Erwachsene können diesen Weg einschlagen. Hier gab es zum 1. Juli 2020 650 Anträge – gegenüber 1.235 vor einem Jahr. Die Lehrstellenangebote lagen derweil bei 957 Anfang Juli gegenüber 1.385 vor einem Jahr. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, denn im Zuge der Maßnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Konsequenzen der Covid-19-Krise  wurde die Frist für den Abschluss eines Lehrvertrags bis Jahresende ausgedehnt. Auch andere Maßnahmen kamen zum Tragen, damit die Lehrlinge weiter angestellt bleiben können, wie etwa der ausnahmsweise Rückgriff auf Kurzarbeit.
Doch die beiden Berufskammern, die historisch eng zusammenarbeiten, um das „duale Ausbildungssystem“ – der Lehrling besucht  in der Regel drei Jahre lang eine Berufsschule und erwirbt das praktische Wissen in einem Ausbildungsbetrieb -  gemeinsam mit den betroffenen Ministerien zu organisieren, wollen eine dauerhafte Aufwertung der Berufsausbildung.

Qualitative Revalorisierung

Die natürlich auch von den großen Trends  betroffen ist – Digitalisierung oder „grüne Wirtschaft“, um nur einige zu nennen. In diesem Sinne schlagen sie etwa vor, die Ausbildung stärker zu digitalisieren, die Auswahl und Orientierung der Kandidaten zu verbessern, statt nur einem mehr sogenannte „Matcher“ einzusetzen, welche die Erwartungen der Betriebe und der Lehrlinge besser zusammenbringen und einen von Gewerkschaften, Patronat und Regierung gemeinsam gesteuerten Fonds zu schaffen, aus dem der Lehrling seine Entschädigung direkt bezieht und Unternehmen ihre Vergütungen für ihre Ausbildungsanstrengungen, die übrigens auch nach oben angepasst gehören. Reduziert werden sollen indes Verwaltungsformalitäten. Ferner setzen sich beide Berufskammern für regelmäßige Werbekampagnen für diesen Ausbildungsweg ein, aus dem auch solidere Brücken für höhere Qualifizierung gebaut werden müssten, bis hin zum BTS. Hier läuft übrigens ein Pilotprojekt im „Lycée du Nord“. Beide Berufskammern haben auch einen Antrag für Lehrlingsdiplome für „Agent de surveillance“ und „Concierge“ gestellt. Für die „Chambre des Salariés“ sind auch im Reinigungsbereich weitere Diplome anzudenken.
„Wir wollen keine Generation ohne Perspektiven“, sagte CSL-Präsidentin Nora Back vor dem Hintergrund wachsender  Jugendarbeitslosigkeit. Die beiden Partner erwarten sich nun ein „starkes Signal“ seitens der Regierung zur konsequenten Förderung der Berufsausbildung.