LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Gérard Zolt ist seit über 20 Jahren Betrügern in Unternehmen auf der Spur und erklärt, wie er vorgeht

Beim Fonds du Logement wird nach einer betrügerischen Aktion eine hohe Summe ins Ausland überwiesen, bei der CNS überweisen sich Mitarbeiter jahrelang systematisch illegal Geld. Telefonbetrug, Phishing oder fingierte Rechnungen gibt es auch hierzulande. Die Anzahl von großen Betrugsfällen, die in der letzten Zeit in Luxemburg aufgedeckt wurden, haben bewiesen, dass Luxemburg davon nicht verschont bleibt. Häufig macht es digitale Technik den Dieben leicht. Doch wie kommt man Betrügern auf die Schliche?

Das weiß Gérard Zolt. Er kennt sich aus mit Betrug in allen Facetten. Der EY-Partner mit juristischem Abschluss und polizeilicher Vorbildung ist seit 20 Jahren bei den Big4 in diesem Bereich tätig, war auch selbständig, und hat im In- und Ausland komplizierte Fälle aufgedeckt. Aktuell leitet er die „Forensic & Integrity Services“, mit einem der größten Teams auf dem luxemburgischen Markt, die kommen, wenn ein Unternehmen Hilfe braucht. Uns hat er anhand von vielen Beispielen aus seiner Berufspraxis erzählt, wie das abläuft.

Foto: Editpress/Hervé Montaigu - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Hervé Montaigu

Herr Zolt, gibt es mehr Betrug als früher?

Gérard Zolt Wir haben viel Arbeit. Es gibt zwar mehr Prozeduren und Gesetze, aber der Betrug bleibt. Heute ist Betrug allerdings kein Tabuthema mehr wie noch vor 20 Jahren. Und heute wird vielleicht offener darüber gesprochen. Verschiedene Studien belegen ganz klar, dass im Durchschnitt jedes Unternehmen mindestens einmal beklaut wird, und sei es nur, dass jemand regelmäßig eine gewisse Anzahl von kleineren Gegenständen oder Summen stiehlt: der Einzelschaden mag vielleicht nicht groß sein, aber wenn das über einen längeren Zeitrahmen geschieht, dann kommt schon eine erhebliche Schadenssumme zusammen. Es ist also nicht die Frage „ob“, sondern vielmehr „wann“. Betrachtet man die sogenannte „fraude au président“ sind Luxemburg und die Schweiz ganz allgemein sehr viel stärker betroffen als andere Länder, denn da sie ausgesprochen exportorientiert sind, ist es nicht suspekt, wenn eine Überweisung ins Ausland geht. EY veröffentlicht jährlich einen Betrugsbericht auf seiner Webseite darüber, was weltweit vor sich geht. Er hält fest, dass es seit 2012 nicht weniger Fälle gibt. In Luxemburg fanden trotz des großen Finanzsektors, der ja gern verdächtigt wird, zwei Drittel der Fälle in Unternehmen aus anderen Branchen statt.

Was muss jemand können, der mit Ihnen arbeitet?

Zolt Die Leute, die wir einstellen, sind sehr vielseitig. In meinem Team sprechen wir zum heutigen Zeitpunkt insgesamt 14 Sprachen. Gut ist es auch, schon woanders gearbeitet zu haben und über Berufserfahrung zu verfügen, denn wir brauchen erfahrene Leute. Wir sind hier aber nicht bei der Polizei, sondern in der Privatindustrie, daher ist es sehr wichtig, dass man nie vergisst, dass jede Person, die des Betrugs verdächtigt wird, auch ein Mensch ist, und der muss auch so behandelt werden. Wir sind also nicht auf Skandale und Anprangern aus, sondern untersuchen alle erhältlichen Dokumente und Information auf objektive Art und Weise, immer unter Berücksichtigung der Gesetze und der Privatsphäre der verdächtigten Personen. Übrigens sind 30 bis 40 Prozent unserer Arbeit präventiv.

Gibt es bestimmte Täterprofile?

Zolt Nein, das kann wirklich überall vorkommen. Ein Beispiel: In einem Unternehmen trinkt eine Sachbearbeiterin mit einem Informatiker Kaffee, der zufällig über eine Schwachstelle des Buchungssystems spricht. Die Sacharbeiterin sieht hier eine Möglichkeit sich ein wenig zu bereichern. Sie probiert es aus, fängt zunächst klein an und unterschlägt immer mehr; am Ende mehr als eine Million Euro. Am Anfang ist die Angst da. Doch Gelegenheit macht Diebe. Dann steigen die Beträge und das Gewissen verstummt. Aufgeflogen ist die Frau letztlich durch ihren Lebensstil: Teure Kleidung, Reisen und Autos, die den Neid der Kollegen weckten. So gelangte das an die Ohren des Vorstands. Statistiken belegen übrigens, dass ein Großteil der Fälle durch Zufall entdeckt wird. Es gibt zwar proaktive Betrugsmanagement IT-Programme und ähnliches, aber die sehen viele Unternehmen nicht als notwendig, sondern nur als nettes Zusatzpaket an. Am Ende ist es wie so oft: „Es kostet Geld und bisher ist ja nichts geschehen, oder?“

Treffen Sie immer wieder auf die gleichen Leute?

Zolt Nein. Einem Täter bin ich allerdings in drei verschiedenen Firmen begegnet. Er ist jetzt in Rente, an sich ein ganz sympathischer Kerl, aber er hatte ein Problem mit Regeln und es steckte in ihm, diese Regeln zu missachten. Ich denke: Jeder kann betrügen. Manche sind unter Druck wegen einer Scheidung, anderen bietet sich eine Gelegenheit. Man muss auch sagen, dass die Beziehung zum Arbeitgeber nicht mehr die gleiche wie noch vor 30 Jahren ist. Selbst, wenn Sie gut arbeiten, können Sie nicht davon ausgehen, dass Sie in 20 Jahren noch da sind. Eine Entlassung ist jederzeit aufgrund von Kostenoptimierung möglich. Dadurch sinkt die Loyalität, vor allem jener, die viel gearbeitet haben und dann rausgeworfen werden. Auf der anderen Seite haben junge Mitarbeiter oft andere Ansprüche und wollten alles sofort und gleichzeitig. Mancher nimmt dafür illegale Abkürzungen, die uns schon schockiert haben.

Was bringen Prozeduren?

Zolt Dazu kann ich Ihnen das Beispiel einer Bank erzählen: die hatten 150 Seiten Prozedur, komplett unverständlich – und waren ganz überrascht, dass sie trotzdem einen großen Betrugsfall hatten. Ich denke, die goldene Regel muss lauten: der dümmste Angestellte muss die Prozedur verstehen können, sonst ist sie das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurde. Die Prozedur der Bank habe ich trotz meiner 20 Jahren Erfahrung nicht verstanden. Sie wurde übrigens oft auch nicht gelesen und ergo nicht befolgt. Aber die Bank war stolz, dass sie sehr viel Geld dafür ausgegeben hatte. Im Übrigen erwischen Minimalprozeduren nur Hobbytäter. Der durchschnittliche Täter ist 35 bis 45 Jahre alt und sitzt meist auf höherer Ebene, dort, wo es nicht mehr um Bagatellschäden geht.

Gibt es Unterschiede zwischen den Ländern?

Zolt Zumindest lässt sich festhalten, dass es einen Unterschied zwischen Europa und den USA gibt. In den USA sind die Aktionäre ganz schnell zur Stelle, vor allem, wenn der Aktienkurs durch den Betrugsfall sinkt. Sobald es in den USA Kontrollen wegen Betrugs gibt, bereiten Shareholder schon Schadensersatzklagen vor, die bis hin zum Vorstand gehen können, denn der ist für die gesamte Strategie einer Firma zuständig, inklusive der Risikomanagementstrategie. Eine Firma mit einem großen Betrug läuft nicht, noch dazu kommen immense Anwaltskosten. Da kann man nicht so einfach weitermachen wie bislang. Oder nehmen wir das Beispiel eines Unternehmenskaufs. In solchen Fällen wird oft eine konventionelle Due Dilligence gemacht, das zu kaufende Unternehmen wird also auf finanzielle, rechtliche, IT- und andere Risiken durchleuchtet. Leider ist zumindest in Europa ein zusätzlicher Teil dieses Due Diligence Prozesses noch nicht Gang und Gäbe: der „Transaction Forensic“. Diese Tatsache ist umso unverständlicher, weil man ja bei einer Firmenakquise auch die strafrechtlichen Konsequenzen mit erwirbt: wenn das Unternehmen, das gekauft wurde, in der Vergangenheit Dinge durchführte, die als unethisch oder illegal angesehen werden könnten - Mobbing, Betrug, Korruption, Geldwäsche -,  wird das auch zum Problemfall für den Käufer. Denken Sie nur daran, welche Wellen die Beschäftigung Minderjähriger in Bangladesch für Bekleidungsfirmen geschlagen hat. So etwas kann mehr kosten, als das ganze Unternehmen. Dafür fehlt in Europa noch das Bewusstsein.

Welche Rolle spielen hier Gesetze?

Zolt Es begann in den USA, dass durch das FCPA Gesetz Unternehmen bestraft werden können, deren interne Anti-Korruptions-Prozesse zu schwach sind. Aber auch in Europa wurden solche Gesetze eingeführt, wie zum Beispiel in Großbritannien mit der UKBA oder in Frankreich mit „Sapin II“; im letzteren inklusive spezialisierter Aufsichtsbehörde. Das ist der richtige Trend, denn die Öffentlichkeit versteht nicht, wie so etwas in einem Konzern passieren kann. Man kann davon ausgehen, dass eines Tages auch ein ähnliches Gesetz in Luxemburg eingeführt wird.

Was ist zu tun?

Zolt Das hängt vom Fall ab. Auf jeden Fall sollte keine Hexenjagd stattfinden. Das Recht muss gewahrt werden. Unsere Arbeit hat Auswirkung auf das Leben der Leute, denn man muss sich im Klaren sein, dass es eventuell auch strafrechtliche Konsequenzen für den überführten Mitarbeiter haben kann. Daher müssen meine Mitarbeiter mit maximaler Sorgfalt und Objektivität arbeiten und das ist eine große Verantwortung. Wenn es einen konkreten Verdacht gibt, sollte der Mitarbeiter auf keinen Fall sofort entlassen werden, denn es gilt die Unschuldsvermutung. Manche Arbeitgeber stellen Mitarbeiter dann frei, andere tun so, als ob nichts wäre. Wer sofort entlässt, hat ein arbeitsrechtliches Problem, das teuer werden kann.

Was unterscheidet Ihre Arbeit von der der Polizei?

Zolt Wir sind weder Polizisten noch Hilfspolizisten. Wir haben jedoch Möglichkeiten, die die Polizei nicht hat. Wenn wir innerhalb einer Woche 600 Spezialisten für eine sehr große Untersuchung vor Ort brauchen würden, dann können wir die bekommen. Das kam vor bei einem Fall im Ausland, wo die Spezialisten in drei Schichten arbeiteten. Für sie wurde ein spezieller Hangar gemietet. Das Ergebnis ging an Strafbehörden weltweit. Der Kunde muss das zahlen. Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren brauchte ich für einen Fall in Luxemburg Leute mit spezifischen Sprachkenntnissen. Innerhalb von 48 Stunden hatten wir 26 Leute aus ganz Europa hier samt einem speziellen Datenlesegerät, das allein schon 150 Kilo wog und Daten sehr schnell analysieren konnte. Natürlich waren die Kosten beträchtlich, aber dem Kunden war es das wert. So etwas kann der Staat nicht machen. Da hilft uns das weltweite Netz von EY. Unser Unternehmen hat 160.000 Mitarbeiter und wenn wir Spezialisten brauchen, finden wir sie und fliegen sie ein. Oft wissen die Polizei oder Staatsanwaltschaft aber, dass wir da sind. Wenn etwas strafrechtliche Konsequenzen hat, entscheidet der Kunde, wie es weitergeht. Die zuständigen Behörden erhalten häufig eine Kopie des Berichts.

Ab welcher Schadenshöhe werden Sie gerufen?

Zolt Nun, sicher nicht für einen sehr kleinen potenziellen Schaden. Aber das kann auch eine Mentalitätsfrage sein und dieser Minimalschaden ist nicht immer maßgebend. Ich hatte einen Fall in Luxemburg von einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter gut behandelt und bezahlt hat, aber es hatte auch eine Null-Toleranz-Politik. Unsere Intervention war zwar drei Mal teurer als der eigentliche Schadenswert, den der Betrüger auch wiedergutmachen wollte. Mit unserem Bericht haben sie direkt den Staatsanwalt eingeschaltet und ihn entlassen. Doch das ist eher eine Ausnahme. Wir werden normalerweise bei größeren Schäden gerufen und reden dann mit dem Kunden über das Vorgehen, die Erfolgschancen und die Kosten jeden Schritts. Manche Kunden halten uns für Weiße Ritter. Da müssen wir dann erklären, dass unsere Arbeit auf der Grundlage geltenden Rechts stattfindet. Geständnisse, die unter Druck erzwungen wurden, können und wollen wir nicht verwerten. Beharrt jemand darauf, müssen wir im Zweifel das Mandat niederlegen.

Hat Ihr Job Sie privat vorsichtiger gemacht?

Zolt Nein (lacht)! Aber man muss auch Mensch bleiben.

tinyurl.com/EY-Betrugsbericht