LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Ex-Freund erstochen - Staatsanwaltschaft fordert 15 Jahre Haft

Am gestrigen Freitag wurde der Prozess zum mutmaßlichen Totschlag in Mertert mit den Plädoyers fortgesetzt.

Bevor die Beweisaufnahme geschlossen wurde, berief das Gericht die 47-jährige Angeklagte Tatiana D. noch einmal in den Zeugenstand. Denn im Detail liegen zwei unterschiedliche Schilderungen vor. Es gebe zwei Tatversionen, sagte die Vorsitzende Richterin (das Journal berichtete). Das ergebe sich deutlich aus den zwei verschiedenen Aussagen einerseits der Zeugin im Haus wie auch die der Beschuldigten. „Ich will wissen, was in der Nacht geschehen ist.“ Im Korridor sei viel Blut gefunden worden. Die Beschuldigte könne nicht ausschließen, dass es entweder drinnen oder draußen passiert ist. „Sagen sie uns die Wahrheit. Well Dir wësst et , Madame.“ Die Beschuldigte will dagegen den Ex-Freund in der Küche erstochen haben und meinte vom Gericht belästigt zu werden. „Die Vorsitzende Richterin machte die Frau darauf aufmerksam, dass die Justiz auf die Wahrheitsfindung nicht verzichten kann, auch wenn sie für das Opfer noch so schmerzhaft ist.

Verteidigung plädiert auf Notwehr

Für den Verteidiger Roby Schons bleibt der Fall brisant, denn seine Mandantin hätte in der ersten polizeilichen Einvernahme ausgesagt „Ich habe ihn umgebracht, weil er mich seit fünf Jahren schlägt.“ Der Verteidiger wollte in seinem Plädoyer darauf hinaus: „Wir können nicht ausschließen, dass es Notwehr war.“ Für Schons handelte seine Mandantin in Notwehr, weil sie von dem wesentlich stärkeren und aggressiveren Mann geschlagen und gewürgt worden sei. Für den Verteidiger liegt nahe, dass es sich bei der Tat um eine Situation der „Selbstverteidigung“ handelte. Seine Mandantin könne sich allerdings nur vage oder gar nicht an die Tat erinnern. Schons sprach in seinem Plädoyer von „îlots de souvenirs.“

„Den Här R. woust dat mat deem perverse Spill vun der Strangulatioun. Et ass eng question d’oxygène.“ Entweder er oder sie, es ging um Leben oder Tod, sagte Schons. Damit seien ihre Messerstiche als Verteidigungsmaßnahmen auch gerechtfertigt gewesen und sie müsse von der Anklage der vorsätzlichen Tötung freigesprochen werden. Roby Schons plädierte am gestrigen Freitag auf Freispruch für die Frau. Im Rahmen der - einzig noch strittigen - Thematik der zwei verschiedenen Aussagen wird die Beschuldigte von der Staatsanwaltschaft kurz zusammengefasst vorgeworfen, am 17. Februar 2015 dem Ex-Freund, mit welchem sie sich einen Kampf in der Küche geliefert hatte, mit einem Küchenmesser einer Klingenlänge von zirka 18 Zentimeter drei gezielte Stiche versetzt zu haben. Die Stichverletzungen haben laut dem Gerichtsmediziner Dr. Schuff zu einer lebensbedrohlichen Situation geführt, welche dann tödlich gewesen seien.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Laurent Seck schilderte ausführlich den Hergang des Geschehens aufgrund der Indizien, die dem Gericht vorlagen. Aus dem Studium aller vorliegenden Einvernahmen ergibt sich, dass letztlich recht viel des von der Staatsanwaltschaft zur Anklage gebrachten Sachverhalts allseitig unbestritten ist. Die Behauptung der Angeklagten, in Notwehr gehandelt zu haben, wertete Laurent Seck als reine Schutzbehauptung. Mord sei eine geplante Tötung während Totschlag im Affekt begangen wird. Ein planerisches Vorgehen nach einer längeren Zeit der Demütigung schließt eine Affekthandlung aber nicht aus. Ihre Aussagen seien nicht unmöglich aber unwahrscheinlich, sagte Seck. Wie Gerichtsmediziner Dr. Andreas Schuff von dem Staatslaboratorium erklärt habe, war R. durch drei Messerstiche, davon zwei tödlich getroffen worden. Dr. Schuff hatte die Leiche obduziert. Eine Klinge von 18 Zentimeter war dem Opfer 17 Zentimeter in den Bauch gerammt worden. Die Beschuldigte habe dem Ex-Freund zwei mindestens 12-13 Zentimeter tiefe Stichverletzungen mit Eröffnung der linken Brusthöhle und Verletzung der Lunge (Lungenunterlappen durchtrennt) zugefügt, dies in unmittelbarer Nähe des Herzens und der herznahen Gefässe. Dazu bräuchte man viel Kraft. „D’Victime huet eng Strof verdengt“, sagte der Vertreter der Anklage und forderte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Bewährung sei nicht mehr möglich. Seck meinte aber die Kriminalkammer könne auch eine Freiheitsstrafe verhängen und die verurteilte Person für einen Zeitraum bestimmten Verpflichtungen unterwerfen.

Das Urteil ist für den 4. April vorgesehen.