PATRICK WELTER

Reisen bildet. Manchmal muss man nicht weit fahren, um etwas ganz anderes zu sehen und zu erleben. Beispielsweise Panik vor Ausländern, obwohl weit und breit weder Kopftuch noch dunkelhäutiger Menschen zu sehen sind. Oder eine nostalgisch-postsozialistische Gesellschaft, die sich mit der neuen Zeit immer noch nicht abgefunden hat.

Der Osten unseres Nachbarn Deutschland tickt anders als die alte rheinisch-katholische Bundesrepublik, was bei jeder Landtagswahl deutlich wird. Egal ob links oder rechts: Hauptsache es gibt einfache Antworten. Berührungsängste mit Protofaschisten oder echten Neo-Nazis kennt man nicht. Die anstehenden Wahlen werden das wieder bestätigen.

Aus der Nähe betrachtet wird’s nicht besser. Es gibt die Kohl’schen blühenden Landschaften - Klatschmohn und Kornblumen blühen auf den Resten vieler LPG. Selbst da, wo die Wirtschaft funktioniert, schimmert das Unverständnis über die neue Zeit durch, die nun schon drei Jahrzehnte dauert. In anderen sozialistischen Ländern war das Bürgertum während der Parteidiktatur auf Tauchstation, aus der DDR ist es abgehauen. Es fehlt.

Usedom, die nordöstlichste Insel Deutschlands, ist als Ferienziel beliebt. Der Tourismus floriert, die alten Kaiserbäder boomen und bei den letzten Landtagswahlen ging die Hälfte der abgegebenen Stimmen an AfD und NPD. Realität und Irrsinn nebeneinander. Die Meister der einfachen Antworten fahren mit ihrem Geschwätz das Erbe jahrzehntelanger Isolation - auch die Grenze nach Polen war zu - und staatssozialistischer Gehirnwäsche ein. Motto: „Nicht denken, denken lassen!“

Gleiches Land, andere Ecke: Eine traumhafte Landschaft mit einem weiten Himmel und einem rhythmischen Wechsel von Feldern, Wäldern und Seen, oft richtig einsam. Mecklenburg könnte das ideale Urlaubsland sein. Könnte, denn laut einem Bismarck zugeschriebenen Zitat kommt in Mecklenburg immer alles 100 Jahre später. Offensichtlich auch die Wende.

Dort liegt eine riesige weit verzweigte Seenplatte, die Wassersportler und Naturliebhaber magisch anzieht. Hier boomt der Tourismus auf dem Wasser. Dort wo Dienstleitung vor Ort angesagt wäre, regiert aber noch der HO-Charme. Zur HO, der Handels-Organisation der DDR, gehörten alle Geschäfte, in denen es nichts zu kaufen gab. Heute gibt es alles, dennoch sieht sich die Verkäuferin nicht dazu bemüßigt die Schlange der Wartenden schneller oder freundlicher als zu sozialistischen Zeiten abzuarbeiten. Generell scheint zu gelten: Service ist eine kapitalistische Erfindung, die zu einer menschenverachtenden Erwartungshaltung auf Kundenseite führt und den rechtschaffen Werktätigen zum Instrument degradiert. Diese Geisteshaltung mag satirisch überspitzt geschildert sein, gibt aber das Erleben in neun von zehn Fällen wieder.

Kein Einzelfall. Eigeninitiative ist immer noch weitgehend unbekannt, auf dem Land noch weniger als in der Stadt. Natürlich gibt es positive Beispiele, wie der bessere Imbiss auf einem Campingplatz, der dank der Wirtin eine gepflegtere Küche bot, als alle Restaurants rundum.

Der Sozialismus ist tot, aber seine Folgen sind noch spürbar. Marx war ein brillanter Analytiker, aber seine Idee einer Gesellschaftsordnung wurde zum Desaster.