HEILIGENBLUT/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Großglockner: Europas bekannteste Hochalpenstraße im Griff des Winters - am 31. Mai

Wie lautet der alte Spruch noch? „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts!“ Selten hat er besser gepasst als in diesem Moment. Unten im Tal war es zwar nicht gerade sonnig, aber doch ziemlich klar. Noch auf 1.950 Meter Höhe haben wir im Gasthaus Schöneck bei guter Sicht Rast gemacht und jetzt das: Steile Schneewände rechts und links der Straße und eine Sicht, die sich manchmal auf 50 Meter beschränkt. Eine Komposition von Weiß und Hellgrau. Null Grad Außentemperatur und tiefster Winter - am 31. Mai.

Immerhin ist die Straße schneefrei, sonst hätten wir mit unserer „alten Dame“, einem Mercedes 280 SE, umkehren müssen. So zieht sie unbeeindruckt ihre Bahn, Kurve für Kurve. Obwohl sie schon 35 Jahre und 315.000 Kilometer auf dem Buckel hat, klettert nicht einmal die Kühlwassertemperatur über 100 Grad. Wir sitzen im Warmen. Entgegen der sonstigen Erfahrung, dass Motorradfahrer auf Passstraßen gerne den wilden Mann geben, ist die Zweiradfraktion langsam und vorsichtig unterwegs. Kein Motorradwetter, einfach zu kalt.

Wir sind auf Europas bekanntester Panoramastraße - so die Eigenwerbung - unterwegs, der Großglocknerhochalpenstraße, berühmt für ihre tolle Aussicht auf Dutzende Dreitausender der Alpen. Die Passhöhe liegt auf 2.500 Metern Höhe, die Stichstraße zur Edelweißspitze führt sogar noch einige Meter höher. Es ist der 31. Mai und eisig, das Hochgebirge zeigt sich von seiner garstigen Seite. Immerhin ist der Großglockner „offen“ wie es an der Mautstation im Tal stand, zumindest halbwegs. Der Abzweig zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, berühmt für den Blick auf Berg und Gletscher, ist nach wenigen Kilometern gesperrt. Pässe und Hochalpenstraßen, wie die Nockalmstraße oder die Malta Hochalmstraße, die wir in den letzten Jahren, immer um Christi-Himmelfahrt, befahren haben sind 2019 noch „zu“.

Ein Kind der Krise

Der Weg über den Großglocknerpass, der seinen Namen vom benachbarten Großglockner mit 3.798 Metern Höhe hat, ist eine uralte Handelsroute, die Oberkärnten und das Salzburger Land miteinander verbindet. Der Pass hatte aber niemals eine Bedeutung wie etwa der Brenner, er war eine Nebenstrecke, die erst wieder nach dem Ersten Weltkrieg interessant wurde. Nachdem Südtirol an Italien gefallen war, gab es keine direkte Verbindung von Osttirol und Oberkärnten nach Tirol. Erste Ideen, eine Straße über den Großglockner zu bauen, wurden diskutiert, aber nicht realisiert. Das neue Österreich war arm. Was paradoxerweise ab 1930 doch zum Bau der bewusst touristischen Großglocknerhochalpenstraße führte. Ähnlich wie der Nürburgring war es eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Insgesamt 3.200 Männer schufteten sich mit Pickel, Dynamit und Schaufel durchs Gebirge. Die 1930er Architektur prägt die Straße heute noch, in einem alten Straßenwärterhaus wird die Geschichte der Erbauung erzählt.

Triebfeder war der Landeshauptmann (Ministerpräsident) von Salzburg, Franz Rehrl. Zunächst flossen die Mittel spärlich. Erst als die Regierung in Wien den Erfolg der Auto-Förderung des NS-Regimes in Berlin sah, floss plötzlich Geld. 1935 war die Straße fertig.

Mittlerweile haben wir die Passhöhe erreicht. Das Hochtor, eigentlich ein kurzer Tunnel, bildet den Scheitel der Passstraße. Danach geht es über viele Kilometer hinunter ins Salzburgische. Jetzt wird die Sicht langsam besser, rechts und links sehen wir wenigsten einen Teil des Alpenhauptkamms. Nach ein paar Kilometern kommt der Abzweig zur Edelweiß-Spitze, einer der touristischen Stichstraßen rechts und links des Passes. Wir riskieren es, vielleicht liegt die Spitze über den Wolken. Die Straße steigt in noch steileren „Kehren“ an als der Pass. Die „alte Dame“ federt das historische Kopfsteinpflaster aus den 1930ern locker ab. Die Schneewände zu beiden Seiten der Fahrbahn wachsen wieder - es empfiehlt sich vor den Kurven zu hupen, um den Gegenverkehr zu warnen.

Kurz vor dem Ziel, der Schnee ist hier relativ niedrig, gibt es rechts plötzlich eine Bewegung inmitten des Weiß. Kaum zwei Meter entfernt schaut uns ein echtes lebendiges Murmeltier an. Ein richtiger kleiner Glücksmoment - der uns dafür entschädigt, dass dann auf 2.571 Meter nichts, aber gar nichts zu sehen ist.