LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Interview mit Dr. Anne-Christine Ayed, Vizepräsidentin der Tarkett-Gruppe,verantwortlich für Forschung, Innovation und Umwelt

In Luxemburg spielt Circular Economy eine immer größere Rolle. Die Politik setzt massiv auf verantwortliche Produktion. Einer der Vorreiter ist Tarkett. Dr. Anne-Christine Ayed erklärt, was der Ansatz bringt, bei dem es um eine ganz andere Art zu produzieren geht.

Frau Ayed, was bedeuten die verschiedenen Glasrohre mit Material in Ihrer Lobby hier im Wiltzer Forschungs- und Entwicklungszentrum?

Dr. Anne-Christine Ayed Unsere Produktionsüberlegungen beginnen mit dem Rohmaterial. Das ist wie bei Lebensmitteln: Wenn Sie ein gutes Produkt machen wollen, brauchen Sie gute Ausgangsstoffe. Wir sind aber noch weit darüber hinausgegangen. Gemeinsam mit Prof. Michael Braungart und dessen Institut EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency) haben wir ein Konzept für alle unsere Produkte erarbeitet mit dem Ziel, Rohstoffe in Kreisläufe zurück zu führen oder sie darin zu halten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Hier sehen Sie Kunstrasen für Sportarenen, den wir herstellen. Der wird auf Kautschuk aufgebracht und mit Sand beschwert. Bislang musste er alle zehn bis zwölf Jahre ersetzt werden. Jetzt haben wir eine Maschine entwickelt, die es erlaubt, den Rasen abzutrennen, und anschließend den Sand zu entfernen, zu reinigen und wieder einzufüllen. Der Rasen wird dann recycelt. Vorher musste er als Sondermüll entfernt werden.

Welche Rohmaterialien verwenden Sie?

Ayed Hier sehen Sie Stoffe wie Cashewnuss-Schalen, Kork, Holzschnitzel, Granulat, aber auch Teppichschnipsel. Letztere benutzen wir für die Rückseite unserer Teppiche. Gemeinsam mit EPEA haben wir alle Rohstoffe darauf untersucht, wie öko-effizient sie sind. Das Prinzip des cradle-to-cradle, auf das EPEA setzt, sieht einen zyklischen Kreislauf vor, der einmal geschöpfte Werte für Mensch und Umwelt erhalten will. Es steht im direkten Gegensatz zu dem Modell „Von der Wiege zur Bahre“, also cradle-to-grave, in dem Ressourcenerhaltung keine Bedeutung geschenkt wird. Da viele fossile Rohstoffe in absehbarer Zeit nicht mehr verfügbar sein werden, setzten wir auf andere Rohstoffe und Konzepte. Die Positivliste unserer Rohstoffe ist der Anfang einer ganz neuen Art zu produzieren. Noch sind wir in der Produktion nicht so weit, wie wir wollen. Aber wir erhöhen jedes Jahr den Anteil an Rohstoffen, die nachwachsend oder recyclebar sind. Und in unseren Werken wird Wasser nur in geschlossenen Kreisläufen verwendet; also kein Trinkwasser.

Aber produziert wird wie früher?

Ayed Nein, wir wollen geschlossene Kreisläufe. In der Linoleum-Fabrik heizen wir mit den Abfällen unsere Öfen. Bei jedem Produkt, das wir machen, bedenken wir die Produktion und das Recycling mit. Was wir herstellen, wird oft zehn bis zwanzig Jahre lang genutzt. Wir wollen, dass die Leute gut leben mit unseren Böden. Deshalb haben wir als erste in der Branche Studien gemacht; gerade über die Wirkung von PVC-Böden, die wegen der Weichmacher in Verruf geraten waren. Wir haben dann ganz andere Weichmacher eingesetzt; ohne Gesundheitsrisiko. Heute sind unsere PVC-Böden als asthma- und allergiefreundlich zertifiziert. Wir sind der erste Fußbodenhersteller, der so denkt - mit Erfolg. Jetzt setzten wir die Standards. Wir liegen das Zehn- bis Hundertfache unter den geforderten Werten. Und die sinken.

Weiten Sie das Konzept auf Ihre Lieferanten aus?

Ayed Ja, beispielsweise suchen wir mit ihnen nach Lösungen bei der Pflege. Jetzt haben wir ein Mittel, dass durch Polieren Kratzer entfernt. Aber für die Pflegeprodukte gelten die gleichen Anforderungen wie für den Rest: Sie müssen innovativ und umweltfreundlich sein.

Hat Ihnen die Umstellung Wettbewerbsnachteile gebracht?

Ayed: Nein, im Gegenteil. Wir verkaufen beispielsweise diesen hellen PVC-Boden an große Kaufhausketten in den USA. Den können wir jetzt recyceln. Das gibt uns Macht in einem starken Wettbewerb. Denn jedes Unternehmen will im Rahmen seiner Corporate Responsibility auch eine gute Umweltbilanz aufweisen. Ein anderes Beispiel: In Brasilien haben wir die Rohstoffe für die PVC-Herstellung aus Ländern wie Kolumbien bezogen. Dann kam die preiswerte chinesische Konkurrenz. Wir haben cradle-to-cradle und circluar economy eingesetzt und geschaut, was wir ändern können. Jetzt nehmen wir PVC-Abfälle aus der Pharma-Industrie vor Ort statt Rohstoffe aus Kolumbien und setzen auf Rohstoffe aus dem Umfeld. Das Resultat: Nur noch fünf Prozent des Gewichts besteht aus fossilen Rohstoffen. Bei den Kosten gibt uns das ebenfalls einen enormen Preis- und Wettbewerbsvorteil.

Wer hatte die Idee mit der Produktionsumstellung auf Circular Economy?

Ayed Das geht auf mich zurück. Ich fand Ecodesign interessant. Als PVC-Hersteller standen wir unter Beschuss - vor allem und besonders von Herrn Braungart. Deshalb habe ich ihn gefragt, was er anders machen würde. So fing im Februar 2011 alles an. Überzeugt hat Prof. Braungart schließlich, dass wir schon Studien über die Gesundheitsverträglichkeit gemacht hatten. Ich wollte etwas anderes als nur Wegwerf-Produkte.

Widersprechen sich Wachstum und Umwelt?

Ayed Wir als Unternehmen müssen wachsen. Ich glaube aber, man kann anders leben, ganz anders. Indem man nur weniger von etwas verbraucht, verschiebt man nur den Zeitpunkt, an dem man Probleme bekommt. Es geht also darum, anders zu produzieren. Erst waren wir die einzigen, heute setzten wir die Standards. Wir arbeiten weiter an intelligenten Lösungen.

Was genau bedeutet Circular Economy?

Ayed In Europa ist es eine Art Modebegriff geworden, um sich von China abzusetzen und zu überleben. Dabei geht es weniger um Recycling als viel mehr um einen unternehmerischen Ansatz. Bei uns beispielsweise werden die Lieferanten von morgen ganz anders sein als die von heute. Das ändert sich ganz, ganz stark. Cradle-to-cradle ist ein Mittel, um Circular Economy umzusetzen. Es geht um Kreislaufwirtschaft, die möglichst viel weiterverwendet oder wiederverwendet und recycelt. Anders als bei der linearen Produktion soll es keinen Abfall geben. Eingesetzte Rohstoffe sollten nachwachsend oder recycelbar sein. Es funktioniert nicht nur für Unternehmen. In den niederländischen Städten Eindhoven und Venlo beispielsweise tut sich sehr viel. In Eindhoven gibt es einen Zusammenschluss von elf Partnern aus sechs Ländern, die Unternehmen sensibilisieren wollen. Es gibt Workshops, Konferenzen und Kontakte über die Grenzen hinaus.

Circular Economy klingt sehr nach einem Modebegriff, nach Greenwashing.

Ayed Nicht bei uns. Wenn wir etwas machen, dann richtig. Und wir reden erst darüber, wenn es auch etwas zu sagen gibt. In Luxemburg sind wir führend in der Circular Economy. Wir sind hier im Cluster und haben die Arbeit von EPEA unterstützt. Aber wir haben die Resultate auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert und gehören zu den CI 100-Unternehmen der Ellen McArthur Foundation. Darüber hinaus hat Tarkett zahlreiche Preise erhalten; von A.T. Kearney über EY bis „l´Expansion“ sind wir für Innovationen und unser Umweltengagement ausgezeichnet worden. Hier gibt es immer mehr Unternehmen, die interessiert sind und bei uns anfragen. Aber ich kann leider nicht alle beraten. Schließlich habe ich hier und innerhalb der Gruppe auch noch meine Aufgabe.