LUXEMBURG
MADY LUTGEN

Die junge Sarah redet über ihren Suizidversuch

Sarah W. (16) hat sich vor einem Jahr die Pulsadern aufgeschnitten, die Mutter fand das blutüberströmte Mädchen noch rechtzeitig. Sarah konnte gerettet werden und musste erst einmal in die Psychiatrie für zwei Wochen. Danach stand eine Therapie im Ausland auf dem Programm; auch heute besucht die etwas Schüchterne noch einen Psychiater und wird das wohl ihr Leben lang tun müssen. Sarah möchte anonym bleiben, deshalb ist der Name geändert.

Wie geht es dir heute?

Sarah W. Gut, ich bin stabil, nehme Antidepressiva, kann mich wieder am Leben erfreuen und denke nicht mehr an Selbstmord.

Vor einem Jahr wolltest du nicht mehr leben?

Sarah W. Nein, ich war immer nur traurig und hatte Angst. Ich konnte mich über nichts mehr freuen. Ich saß in einem riesigen schwarzen Loch. Konnte nicht mehr schlafen, dadurch hat sich mein Zustand verschlimmert. Dazu kamen noch die Panikattacken, die einen fertig machen. Ich fühlte mich so alleine, da keiner meinen Kummer verstand. Ich fragte mich oft, ob ich nicht verrückt bin.

Du hast keinen Ausweg mehr gesehen?

Sarah W. Wenn man sich in so einer Situation befindet will man einfach nur, dass der Schmerz aufhört. Ich wollte nicht sterben, aber ich wollte meine Ruhe haben und habe den Tod als einzige Lösung auf meine Probleme gesehen. Am Anfang war es nur eine Idee, aber nach einigen Wochen konkretisierte sich die immer mehr, ich überlegte andauernd, wie ich mir das Leben nehmen könnte, ohne dass es zu sehr mit Schmerzen verbunden ist, und ich wollte keinen anderen mit rein ziehen, deshalb hab ich mir die Pulsadern aufgeschnitten. Es ist wie ein Trancezustand, man realisiert nicht mehr, was man da tut, man denkt nur daran, dass es einem danach besser geht.

Was hätte dir in dieser Situation geholfen?

Sarah W. Wenn ich darüber hätte reden können. Aber meine Freunde verstanden mich nicht, meine Eltern auch nicht. Ich wusste selbst nicht, was mit mir los ist, und wenn dann keiner dich verstehen will oder es nicht mal versucht, gibt man auf.

Es gibt bestimmt noch andere Jugendliche, denen es so ergeht wie dir, was rätst du ihnen?

Sarah W. Dass sie sich Hilfe holen. Eine Depression ist eine Krankheit und nicht nur ein Zustand. Psychiater verstehen den Zustand sehr gut. Wenn man sich nicht traut, sofort zu einem Profi zu gehen, dann sollte man mit einem Lehrer des Vertrauens reden oder ins „Cpos“ gehen. Auf jeden Fall sollte man sich einer Person anvertrauen.

Wie hat dein Umfeld auf deinen Suizid-Versuch reagiert?

Sarah W. Meine Eltern standen unter Schock und verstanden die Welt nicht mehr. Viele meiner Freunde haben sich von mir abgewendet, was sehr schmerzlich für mich war. Aber ich habe dadurch gelernt, wer meine richtigen Freunde sind, und meine Eltern geben sich viel mehr Mühe, mich zu verstehen und reden auch viel mit mir.