LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Größter Drogenprozess in Luxemburg gestartet: Angeklagte sagen aus

Vor dem Bezirksgericht Luxemburg begann am Dienstagmorgen der größte Drogenprozess in der Geschichte Luxemburgs. Angeklagt sind 21 Nigerianer, die über Jahre im großen Stil Luxemburg mit Heroin und Kokain versorgt haben sollen. Das Gericht hat sechs Kriminalbeamte als Zeugen bestellt. Was sie in den nächsten Tagen berichten werden, wird aber wohl von den Schilderungen der Angeklagten erheblich abweichen, die am Dienstag vor Gericht erläutert wurden.

Die Polizei ermittelte aber nicht nur gegen die Nigerianer, sondern auch gegen jene Hintermänner der „Straßenbande“, von denen die Straßenverkäufer die Droge bezogen hatten. Einer davon soll der Nigerianer Victor Ugochukwu N., alias Henri Paul sein, dem auch Kontakt zur Drogenszene in Holland und Belgien nachgesagt wird. Laut Polizeiberichten soll dieser Mann seit Juli 2015 bei 114 Gelegenheiten 14 Kilogramm Kokain nach Luxemburg geschmuggelt haben, Heroin und Marihuana nicht mit eingerechnet. Ihm wird vorgeworfen, von Wasserbillig aus agiert zu haben.

Es war eine kriminelle Vereinigung

Hier hatte er ein Haus, das als Hauptumschlagplatz für Rauschgift bekannt wurde. Die Ware wurde hier abgepackt und dann über ein dichtes Vertriebsnetz im Bahnhofsviertel Luxemburg/Stadt ausgeliefert. Nach monatelanger Observation stürmte die Polizei mit mehr als 200 Beamten am 27. Oktober 2015 das Haus in Wasserbillig. Es wurden Geld, 570 Gramm Kokain, 196 Gramm Heroin und 1,4 Kilo Marihuana sichergestellt. In der Wohnung dieses Hauptangeklagten in Athus beschlagnahmten die Beamten 793 Gramm Kokain und mehr als 55.000 Euro. Vor Gericht behauptete N., dass der Hauseigentümer E. ihm die Drogen und das Geld gegeben hat. Er habe auch nur zweimal an Nigerianer Drogen verkauft. Von allen anderen Umständen will N. nichts gewusst haben.

Die Bandenmitglieder, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft eine kriminelle Vereinigung, wohnten abwechselnd in dem Haus in Wasserbillig - und zahlten sogar Miete. Bei der Hausdurchsuchung am 27. Oktober 2015 waren 57 Personen anwesend. Laut den Observationsberichten übernachteten in der Nacht vom 6. Oktober 2015 81 Personen im Haus. Vom 1. September bis Ende September 2015 waren es mehr als 4.210 Personen, die dort aus- und eingingen.

Von alle diesen Vorkommnissen will die Verwalterin nichts gewusst haben. Sie wohnt heute in Alicante und ist auf freiem Fuß. Laut ihren Aussagen hat sie sich seit 2009 in Luxemburg prostituiert. Im September 2009 bekam sie ein Zimmer in der „Nice Bar“ in der Hauptstadt und dann in Wasserbillig. Sie gibt zu Protokoll, dass sie in der Bar geputzt habe. In Wasserbillig sei sie nie Managerin gewesen. Dass sie Geld von den Drogen kassiert habe, hat sie nie abgestritten. Das Haus habe 22 bis 25 Zimmer. Dass 81 Leute dort übernachtet haben sollen, stimme aber nicht. Im Haus betrieb sie einen kleinen Imbiss- und Getränkeladen. Dort hätte sie Champagner an homosexuelle Nigerianer verkauft, die dort mit Freier verkehrten und die sich am Bahnhof prostituierten. Sie habe nie Drogen in Wasserbillig gesehen. Mit Paul Henri habe sie nichts zu tun. Sie hätte ihn zwar oft in Wasserbillig gesehen. Doch mit ihm habe sie nie zu tun gehabt. Das Geld, das sie verdiente, käme von der Prostitution. „Mein Telefon ist mein Beruf und mein Beweis“, sagte sie vor Gericht. „Dann haben wir jetzt einen Zuhälter- und keinen Drogenprozess“, konterte der Vorsitzende Richter. Sie habe alles nur aus Liebe zu E. getan, denn dies sei ein feiner Kerl, so die Verwalterin weiter.

Zur Duldung von Drogendealern gezwungen

Joseph E. (46) war Eigentümer der „Nice Bar“ und Besitzer des Hauses in Wasserbillig. Er bestreitet alle Anschuldigungen. Dem wegen Drogenhandels vorbestraften E. wird vorgeworfen, Kopf der Bande zu sein. E. erzählte, wie er zu seinem Reichtum gekommen ist. Seit 22 Jahren sei er in Luxemburg. Er sei aber schon vorher Millionär gewesen. Im Ganzen hätte er sieben Häuser in Luxemburg gekauft. Das vierte Haus habe er mit einem Darlehen bezahlt. Er hätte lange als Angestellter in einer Bank gearbeitet. Acht Jahre hätte er studiert und drei Bücher geschrieben. Er präsentiert sich als Opfer. Ihm wird vorgeworfen, Drogen von Paul Henri gekauft und sie dann an die Bande weiterverkauft zu haben. Davon will E. nichts wissen. Er hätte das Haus in Wasserbillig einem Nigerianer vermietet. Der habe ihm monatlich 600 Euro Miete von seinem RMG bezahlt, doch wegen der Nigerianer habe er viel mitgemacht. E. berichtet aber von zwei gefährlichen Drogendealern, die ein Zimmer in seinem Haus bewohnt hätten. Er musste ihnen das Haus zur Verfügung stellen. Hätte er das nicht getan, hätte er sein Leben verlieren können, sagte er.

Das Angebot sei dagewesen und die Verlockung groß, versuchten die anderen Angeklagten dem Gericht zu vermitteln, doch seien sie keinesfalls die Großdealer, wie laut Anklageschrift dargestellt wurde. Sie hätten zwar Drogen verkauft, aber nichts von E. oder von Paul Henri bekommen. Die Drogen hätten sie in den Bahnhofsstraßen bekommen. Der Prozess wird Mitwoch fortgesetzt