TITELBERG
CLAUDE KARGER

Das keltische „Oppidum“ auf dem Titelberg hat längst nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben

Wenig deutet auf dem Titelberg-Plateau, zwischen Lamadelaine und Niederkorn noch darauf hin, dass hier einst, vor mehr als zwei Jahrtausenden, eine Hauptstadt stand. Und zwar die der Treverer, des keltischen Volksstammes, dem Trier seinen Namen verdankt. Dem Besucher erschließt sich allerdings schnell, dass das ein ganz besonderer Ort ist. Denn schon beim Aufstieg durch den Wald erkennt man abschüssige Hänge, die nicht natürlich sein können. Sie sind Überreste von Verteidigungswällen, die das Areal von rund 43 Hektar auf einer Länge von 2,6 Kilometern einst umfassten. Sicher ist: so ein Aufwand wurde nicht betrieben, um einen unwichtigen Ort zu schützen. Wie archäologische Funde zeigen, haben bereits lange vor den Treverern Menschen auf dem strategisch günstig gelegenen Kalk-Plateau - in einem kalkreichen Umfeld erhalten sich Knochen und Artefakte übrigens besonders gut - rund 130 Meter über dem Tal der Korn, gelebt und es zum Teil befestigt. Allerdings gelangte der Standort wohl erst ab dem Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu größerer Bedeutung. Um diese Zeit haben die Treverer hier nämlich ein „Oppidum“ angelegt - mit diesem Wort bezeichneten die Römer befestigte Siedlungen.

Kurze Blütezeit

Sechs dieser treverischen „Oppida“ wurden bis jetzt gefunden, fünf davon liegen heute in Rheinland-Pfalz, respektive im Saarland. Wie die Forschung auf dem Titelberg gezeigt hat, waren die befestigten Städte rigoros geplant, ein öffentlicher Bereich, in dem Märkte, aber auch Feste und kultische Handlungen durchgeführt wurden, war durch einen tiefen Graben vom Wohn- und Handwerksbezirk abgegrenzt. Die Untersuchungen haben auch gezeigt, dass auf dem Titelberg - die Herkunft des Namens ist unklar - schon früh ein reger Austausch von Waren aus allen Himmelsrichtungen stattfand. Ein Austausch, der mit der römischen Eroberung Galliens zwischen 58 und 51 v. Chr einen weiteren bedeutenden Schub bekam. Sicher ist, dass Handelsleute aus dem italienischen Raum auf dem Titelberg ein Handelskontor aufbauten, das möglicherweise auch eine wichtige Station für die Versorgung der Legionen und der Hilfstruppen war. Auf jeden Fall gab es vor zwei Jahrtausenden sehr viel Aktivität auf dem Areal, das auch noch inmitten einer Gegend mit beträchtlichen Eisenerzvorkommen lag, aus denen Schmiede Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände wie Fibeln und Waffen formten. Die keltischen Waffen waren wegen ihrer Qualität ziemlich begehrt. Dass hier auch mit Vieh gehandelt wurde und bisweilen Menschenmassen verpflegt werden mussten - die möglicherweise für große Feste aus dem Trevererland hierher strömten - bezeugt der Fund von überaus zahlreichen Tierknochen (überwiegend vom Rind), die mitunter im Trennungsgraben landeten.

Doch die Blütezeit des Titelberg, auf dem man bislang keine Spuren von kriegerischen Auseinandersetzungen gefunden hat, währte nur kurz: bereits Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde das Oppidum nach und nach verlassen. Der Grund: Die Römer hatten Trier gegründet und ein neues Straßennetz in Gallien angelegt. Die Hauptstraße von Lyon zum Rhein führte fortan nach Metz und Trier (übrigens auch über „Ricciacum“ - das heutige Dalheim) und dann weiter durch die Eifel nach Köln. Die „Oppida“ der Treverer lagen nunmehr abseits und das Gebiet um Trier wurde zum Hauptsitz des Stammes.

Aus dem Titelberg wurde ein „Vicus“, ein römisches Dorf, dessen Befestigungsanlagen nicht mehr instand gehalten wurden. Nach mehreren Wellen germanischer Invasionen zählte der Standort ab 275 n. Chr. immer weniger Einwohner, im 5. Jahrhundert scheint er definitiv aufgegeben worden zu sein und fortan nicht zuletzt als Steinbruch für die Siedlungen im Tal gedient zu haben.

Den Einwohnern der Umgegend war immer schon bekannt, dass es irgendwann auf dem Titelberg eine Siedlung gegeben hatte. Bereits im 17. Jahrhundert werden die Wälle der Anlage erwähnt. Allerdings ging man lange davon aus, dass es sich um ein römisches Lager handeln würde. Dass es sich in der Tat um ein keltisches „Oppidum“ handelt, förderten erst die systematischen Ausgrabungen ab den 1960ern zutage. Sie haben aber erst ein Zipfelchen der Geheimnisse des Titelbergs gelüftet.