LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Frühkindliche Förderung soll Chancengleichheit verbessern

In den vergangenen zehn Jahren ist das Angebot an Betreuungsplätzen in Luxemburg rasant gewachsen. Um fast 700 Prozent stieg das Angebot von 2004 bis 2014 in Luxemburg auf heute fast 50.000 Tagesbetreuungsplätze für Kinder bis zwölf Jahre. Gleichzeitig zeigen verschiedene Studien, dass nicht alleine die eigenen Talente, sondern die soziale Herkunft maßgeblich über Erfolg und Misserfolg in der luxemburgischen Schule entscheiden. Im Alter von sechs Jahren verfügen etwa Kinder, die eine altersgerechte Förderung genossen haben, über einen doppelt so großen Wortschatz im Vergleich zu Kindern, die nicht in diesem Maße gefördert wurden. Defizite, die in den allermeisten Fällen nicht mehr aufgearbeitet werden können, wenn die Kinder in die Schule kommen.

Im Sinne der Chancengleichheit will die Regierung deshalb einen Paradigmenwechsel in der Kinderbetreuung einläuten, der das Kind und seine Zukunftschancen in den Mittelpunkt der Politik rückt. Der für Bildung, Kinder und Jugend zuständige Minister Claude Meisch und Familienministerin Corinne Cahen stellten gestern im Rahmen einer großen Konferenz zu den Herausforderungen der Früherziehung ihre Pläne vor. „Viele Weichen werden vor dem Schulalter gestellt“, sagte Meisch. Deshalb sollten Kinder in den wichtigsten Entwicklungsjahren „nicht nur versorgt, sondern vor allem gefördert werden“. Denn der „soziale Lift“ funktioniere nicht mehr in Luxemburg, wie verschiedene Studien, darunter der Bildungsbericht 2015 der Universität Luxemburg, zeigten.

Eltern stärker einbinden

Bei ihrem Vorhaben hat die Regierung nicht nur die Kindertageseinrichtungen, sondern auch die Familien im Blick. So ist etwa von „Erziehungspartnerschaften“ die Rede, die Eltern sollen sich dafür interessieren, was in der „crèche“ gemacht wird und in Aktivitäten eingebunden werden.

Im so genannten „non-formalen“ Bildungsbereich, den Kindertagesstätten, soll dann per Gesetz ein Qualitätsrahmen eingeführt werden, der eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zum Ziel hat. Ein nationaler Bildungsrahmenplan für non-formale Bildung ist vorgesehen, auf dessen Basis die unterschiedlichen Einrichtungen von der Kleinkindeinrichtung bis zum Jugendhaus, unabhängig davon ob gewerblich, gemeinnützig oder kommunal organisiert, ihre spezifischen pädagogischen Konzepte entwickeln.

Multilinguale Frühförderung: Pilotprojekte zum Schulbeginn 2016

Ein wichtiges Element im Sinne einer verbesserten Chancengleichheit ist die kostenlose, multilinguale Frühförderung für Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren. Meisch sieht die multilinguale Frühförderung als Vorstufe der Schule. Deshalb müsse sie gratis angeboten werden, damit die Chancengleichheit Wirklichkeit werden könne. Zum Schulanfang 2016 sind eine Reihe von Pilotprojekten geplant. Flächendeckend soll sie im darauf folgenden Jahr angeboten werden. Während 26 Stunden pro Woche und 36 Wochen pro Jahr sollen Kinder mit den später benötigten Sprachen in Berührung kommen. Das Angebot basiert dabei auf einer Pädagogik der Vielfalt, in der die Muttersprache der Kinder wertgeschätzt und auf ihre Kenntnisse aufgebaut werden soll. „Die Wertschätzung und das bewusste Aufgreifen der vorhandenen Erstsprachen durch das pädagogische Fachpersonal stärken die Persönlichkeitsentwicklung und die Identität von Kindern und stellen für sie alle - unabhängig von ihren jeweiligen Erstsprachen - einen Bildungsgewinn dar“, heißt es in den Unterlagen des Ministeriums. Wie Meisch hervorhob, bleiben die Kinder dabei immer als Gruppe zusammen.

Damit ein solches Angebot gestemmt werden kann, müsse der Personalschlüssel erhöht werden, es werden demnach mehr qualifizierte und mehrsprachige Pädagogen gebraucht. Was weniger häufige Muttersprachen angeht, gibt es hingegen Überlegungen zur Schaffung eines beim Bildungsministerium angesiedelten Pools von Experten

Meisch erklärte weiter, dass dieses Angebot allen Trägern gemacht werde, ob privat, kommunal, gemeinnützig oder konventioniert. Die Kosten würden anschließend vom Staat erstattet. Um den Übergang zur Grundschule zu ebnen, sollen die Lehrpläne für die ersten beiden Zyklen ebenfalls überarbeitet werden, damit auch hier mit der Muttersprache gearbeitet und auf die zuvor erworbenen Kompetenzen aufgebaut werden kann.

In Zukunft will die Regierung ebenfalls integrierte Strukturen fördern: Statt Kinderbetreuung und Schule in zwei verschiedenen Gebäuden unterzubringen, soll erstere bei künftigen Bauprojekten ins Schulgebäude integriert werden, um die Kooperation zwischen den Akteuren zu fördern - im Interesse des Kindes.