LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Regierung und Syvicol präsentieren Modell für Wiedereröffnung der Grundschulen

So richtig die Schließung der Schulen ab dem 16. März gewesen sei, so wichtig und richtig sei auch die Rückkehr in den Klassensaal ab dem 25. Mai für die Grundschüler. Mit dieser Botschaft richtete sich Bildungsminister Claude Meisch (DP) heute an Lehrer und Eltern. Die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts polarisiert und hat in den vergangenen Wochen viele Reaktionen hervorgerufen. Für den Ressortminister geht es nicht nur um das Recht auf Bildung, sondern auch darum, mit der Isolation der vergangenen Wochen zu brechen und eine möglichst guten Abschluss des Schuljahres hinzubekommen. „Kinder brauchen den sozialen Kontakt“, so Meisch. Zudem könne der Fernunterricht den unmittelbaren Austausch zwischen Schülern und Lehrern nicht ersetzen. Eine schrittweise Rückkehr zu einer „kindgerechten Normalität“ sei deshalb wichtig.

Allerdings bringt die Organisation dieser zweiten „Rentrée“ etliche organisatorische Herausforderungen mit sich, um eine Vermischung von Schülergruppen zu verhindern sowie die sanitären Richtlinien einzuhalten. Emile Eicher, Vorsitzender des Städte- und Gemeindebunds Syvicol, sprach heute von einer „Herkulesaufgabe“ für die Gemeinden als Eigentümer der Schulgebäude und Betreiber von „maisons relais“, Claude Meisch von einer „enorm komplexen Aufgabe“. In allen „großen Fragen“ habe die Regierung im Austausch mit den Gemeinden Lösungen finden können, so der liberale Minister.

Das Bildungsministerium bleibt in den Grundzügen bei seinen Mitte April angekündigten Plänen, Grundschüler in zwei Gruppen einzuteilen, die im Wochenrhythmus alternierend die Schule besuchen und, falls benötigt, in den anderen Wochen in der „maison relais“ betreut werden. Einzige Ausnahme ist die Woche vom 25. Mai: In der Woche vor den Pfingstferien sollen beide Gruppen an verschiedenen Tagen die Gelegenheit bekommen, einen Teil ihrer Klassenkameraden wiederzusehen, sich über die vergangenen Wochen auszutauschen sowie sich an das neue Schulleben zu gewöhnen.

Sonderurlaub in drei Fällen nach 25. Mai möglich

Für die Schüler der A-Gruppe geht es nach den Pfingstferien zurück ins Klassenzimmer (8.00 bis 13.00), danach ist eine fakultative Betreuung möglich (mindestens bis 18.00). Schüler der B-Gruppen werden währenddessen in der „maison relais“ und anderen, hinzugezogenen Gebäuden betreut - auch das ist fakultativ. Noch in dieser Woche soll ein Formular an die Eltern gehen, um den genauen Betreuungsbedarf zu ermitteln. Meisch geht davon aus, in den allermeisten Fällen einen Betreuungsplatz sicherstellen zu können. Allerdings komme es auch außerhalb von Pandemie-Zeiten vor, dass dem nicht so ist. Aus diesem Grund ist der Sonderurlaub, damit die Kinder weiter zuhause betreut werden können und am Fernunterricht teilnehmen in drei Szenarien auch über den 25. Mai hinaus möglich: wenn die Kinder selbst als gefährdet gelten oder mit gefährdeten Personen zusammenleben (medizinisches Attest notwendig), wenn keine Fremdbetreuung möglich ist oder wenn bislang Großeltern oder andere Angehörige auf Kleinkinder im Alter bis drei Jahren aufpassten. „Wir haben deshalb entschieden, diesen Eltern die Wahl zu lassen“, so Meisch. Die fakultative Kinderbetreuung ist derweil kostenlos.

Besonders viel Kopfzerbrechen bereitet die Wiederaufnahme des Unterrichts im 1. Grundschulzyklus. Das Bildungsministerium hält hier trotz anderslautender Forderungen von Gewerkschaftern und Eltern an der Schulpflicht fest. Auch diese Kinder hätten ein Recht auf Bildung. Gerade die ersten Jahre seien für die Entwicklung des Kindes entscheidend, so Meisch. Würde es für sie erst wieder im September losgehen, würden viele Kinder während sechs Monaten kein Luxemburgisch mehr hören und sollen dann aber auf Deutsch alphabetisiert werden. Da eine Einhaltung eines Zwei-Meter-Abstands in diesem Alter kaum umzusetzen ist, verfolgt das Ministerium eine andere Strategie: Möglichst kleine Gruppen sollen gebildet und nach außen abgeschirmt werden, um die Sicherheitsbestimmungen innerhalb der Gruppen lockern zu können. Die Diskussionen mit der Gesundheitsaufsicht und dem „Conseil supérieur des maladies infectieuses“ laufen aber noch.

Im fakultativen „Précoce“ bekommen die Eltern indes die Gelegenheit, die Einschreibung ihrer Kinder zu überdenken.

Herausforderung für Schultransport

Keine Vermischung von Kindergruppen bedeutet auch: ein höherer Personalbedarf und eine Umorganisation der Schulbusse. Da die Schülergruppen getrennt zur Schule/Maison Relais transportiert werden müssen, müssen mehr Busse eingesetzt werden. Zwei Reservepools für die Betreuung an den Nachmittagen beziehungsweise die Vertiefungswochen werden geschaffen. Dazu werden beispielsweise Mitarbeiter aus anderen Abteilungen wie die „Erwuessenebildung“, die ihre Arbeit derzeit noch nicht aufnehmen können, hinzugezogen. Eine andere Überlegung besteht darin, Erziehern, die bislang 20 Stunden arbeiteten, für ein höheres Pensum hinzuzuziehen. Laut Schätzung des Verbands der Akteure des Sozialsektors FEDAS wird ein Drittel mehr an Erziehern benötigt.

Wenn jede Krise ihre Risiken habe, so ergeben sich auch Chancen, meinte Eicher zum Schluss. Es biete sich die „außergewöhnliche Chance“, auszuprobieren, wie das „Zusammenleben“ zwischen dem formellen - Grundschule- und dem informellen Bereich - „maison relais“ koordiniert werden kann im Blick auf eine dauerhafte Zusammenarbeit.

Nicht stoppen

OGBL fordert Beibehaltung von „chômage partiel“ und außerordentlichem Familienurlaub

Der OGBL begrüßt in einer Pressemitteilung die nächste Etappe der Lockerung der Covid-19-Beschränkungen. Allerdings müssten alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, damit das Ansteckungsrisiko beim „déconfinement“ so gering wie möglich gehalten wird. Der OGBL erneuert dabei seine Forderung, in die Vorbereitungsmaßnahmen und in die Exit-Strategie insgesamt eingebunden zu werden.
Vor allem aber unterstreicht er die Notwendigkeit der Beibehaltung von zwei wichtigen Instrumenten im Kampf gegen die Krise.
Das erste ist der „congé pour raisons familiales extraordinaire“, der zum 25. Mai mit verschiedenen Ausnahmen auslaufen soll. Für den OGBL muss das ausgedehnt werden, denn auch viele andere Personen hätten nicht die Möglichkeit, auf ihre Kinder aufzupassen und ihre schulische Arbeit zu begleiten, wenn die Kleinen nun abwechselnd alle zwei Wochen wieder zur Schule gehen. Es sei schwer vorstellbar, die betroffenen Kinder nur in den „maisons-relais“ zu betreuen, die ohnehin nicht genügend Raum und personelle Mittel hätten.
Auch dürfe nicht vergessen werden, dass zahlreiche Arbeitnehmer Grenzgänger sind, in deren Heimatländern die Schulen mitunter erst später graduell öffnen und sie in ihren Wohngegenden nicht genügend offene Betreuungsstrukturen zu finden riskieren. Aus all diesen Gründen plädiert der OGBL also für die Beibehaltung des „congé pour raisons familiales extraordinaire“ bis zur Normalisierung der Lage.
Auch sieht der OGBL Bedarf, die Möglichkeit des „chômage partiel pour cas de force majeure“ bis auf Weiteres beizubehalten, denn in zahlreichen Wirtschaftsbereichen werde es noch monatelang dauern, bis wieder normal gearbeitet werden kann. Schnell abgeschafft werden sollte indes die Ausnahmeregelung, die die maximale Wochenarbeitszeit auf 60 und die maximale tägliche Arbeitszeit auf zwölf Stunden anzuheben.