LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Gilbert Pregno, Direktor der Elternschule, über den Wandel der Gesellschaft

Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Und mit ihr auch das traditionelle Bild der Familie. Gilbert Pregno, Psychologe und Direktor der Elternschule Janusz Korczak, weiß, welche fatalen Auswirkungen das für die Kinder hat und wie man dem entgegen wirken könnte.

Welche Idee steckt hinter der Elternschule?

Gilbert Pregno Uns geht es nicht darum, Lösungen für Probleme zu suchen, sondern Lösungen zu finden, damit Probleme gar nicht erst entstehen. Die Idee hat sich sehr schnell bewährt. Am 15. März eröffnen wir eine weitere Außenstelle an der Mosel. Somit decken wir bald das ganze Land ab. Für mich ist es wichtig, dass sich diese Elternschule auch an jene richtet, die normalerweise nicht zu uns kommen würden. Im Moment geben wir beispielsweise Kurse im Gefängnis oder besuchen Häuser, in denen Flüchtlinge leben, gehen zu Drogenabhängigen und zu Menschen, die in Armut leben. Wir suchen gezielt den Kontakt.

Welche Erfahrungen konnten sie gerade an diesen Orten sammeln?

Pregno Sehr gute. Die Resonanz ist groß. Ein Mann oder eine Frau, der/die sich etwas hat zu Schulden kommen lassen und deshalb eine Gefängnisstrafe verbüßen muss, ist trotzdem auch Vater oder Mutter. Wir helfen dabei, dass diese Menschen trotz der Lebensumstände, ihrer Aufgabe als Elternteil irgendwie gerecht werden können. Auch sie haben den Wunsch, ihren Job als Vater oder Mutter gut zu machen.

Ihr Aufgabenbereich dehnt sich aber auch auf Entbindungsstationen aus?

Pregno Mann und Frau werden nicht als Eltern geboren, deshalb versuchen wir in einem zweistündigen Kurs sozusagen ein Basiswissen der Erziehung zu vermitteln. Ich würde mir wünschen, dass dies in die staatlichen Präventivmaßnahmen integriert wird. Eine schwangere Frau erhält bekanntlich eine Beihilfe, wenn sie bei einer vorgeschriebenen Anzahl von gynäkologischen Untersuchungen und später beim Kinderarzt war. Ich finde es nicht ausreichend, auf die physische Gesundheit zu pochen, es muss auch dafür gesorgt werden, dass die Eltern etwas über die Erziehung wissen. Ich hoffe, dass die nächste Regierung dies umsetzt.

Sind Sie zuversichtlich?

Pregno Ich gebe nicht so leicht auf. Auf taube Ohren stoße ich mit diesen Forderungen nicht. Passiert ist jedoch bisher nichts. Die Idee der Elternschule findet Anklang, doch wenn es darum geht, konkrete Taten folgen zu lassen, tut sich nichts.

Ist die Situation denn so besorgniserregend?

Pregno Ja, ich bin sehr besorgt. Immer mehr Kindern geht es schlecht, und immer mehr Eltern kommen nicht zurecht. Der Erziehung sollte unbedingt wieder mehr Beachtung geschenkt werden. Manchmal komme ich mir recht erzkonservativ vor, wenn ich das sage. So ist es aber nicht. Heutzutage steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt. Von Chancengleichheit wird geredet. Die Bedürfnisse der Kinder geraten dabei in den Hintergrund. Mir wird oft vorgeworfen, ich hätte eine frauenfeindliche Haltung. Das stimmt aber keinesfalls. Ich bin nur besorgt, das hat aber nichts mit den Frauen zu tun. Mir geht es um die Kinder.

Was brauchen Kinder also konkret?

Pregno Stabilität. Eine Bindung. Eine Bezugsperson. Gerade in den ersten Lebensjahren oder sogar -monaten ist dies enorm wichtig. Wenn Kinder von zu vielen fremden Personen betreut werden, kann eine solche Bindung nicht entstehen. Ich bin nicht gegen Betreuungsstrukturen. Sie sind sehr wichtig, sollten aber nur eine Ergänzung sein. Ein Kind braucht Stabilität. Im Augenblick wird der Fokus aber fast nur auf die Entwicklung dieser Betreuungsinfrastrukturen gerichtet, plakativ ausgedrückt, auf die Bedürfnisse der Erwachsenen. Ich höre oft, es komme nicht auf die Dauer der Erziehung an, sondern auf die Qualität. Das ist falsch, besonders bei Kleinkindern. Das ist keine Ideologie, nein, es ist wissenschaftlich bewiesen.
Die ersten Lebensjahre sind die ausschlaggebenden.
Entwickelt sich die Gesellschaft in die falsche Richtung?

Pregno So weit würde ich nicht gehen. Ich sage nur, dass den Bedürfnissen der Kinder nicht mehr genug Rechnung getragen wird. Übertrieben ausgedrückt, könnte man fast sagen, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der die Eltern kaum noch Verantwortung übernehmen müssen und in der Erziehung sowie Familie nicht mehr genug Wichtigkeit zugestanden wird. Die Bilder, die vermittelt werden, sprechen eine deutliche Sprache: Die persönliche Entwicklung und der Beruf haben Priorität.

Der Wandel der Gesellschaft hat auch seine guten Seiten, jedoch nicht nur. Viele Eltern lassen ihre Sprösslinge machen, was sie wollen. Kinder brauchen aber Grenzen. Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern oft so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie keine Zeit mehr für ihre Sprösslinge haben. Deshalb zögern sie auch, ihnen Grenzen zu setzen. Sie haben einfach Angst dann nicht mehr von ihrem Kind geliebt zu werden. Gerade indem man Grenzen setzt, zeigt man jedoch Interesse. Das merken auch die Kleinen

Was muss also getan werden?

Pregno Für mich ist das Ganze teils ein gesellschaftspolitisches Problem. Die Grundwerte der Erziehung müssen wieder in den Mittelpunkt gestellt werden. Kindererziehung ist eine Frage der Verantwortung. Ganz konkret ist hier die Politik gefordert, damit bessere Möglichkeiten geschaffen werden, dass besonders kleine Kinder eben nicht fremd betreut werden müssen. Die richtige Erziehung bedeutet so viel. Es gibt heute so viele Jugendliche, die Drogen nehmen, oder sehr junge Mädchen, die schwanger werden. Die Situation ist dramatisch. Ein großer Teil ist meiner Ansicht nach auf die Erziehung zurückzuführen. Es gilt bereits auf die ersten Signale zu reagieren. Diese werden oft übersehen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Kinder wieder zählen.