LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Warum Kinder um tote Geschwister doppelt trauern und wie sie Verlust verarbeiten können

Ist Opa immer noch tot? Wenn ein Todesfall eine Familie trifft, leiden alle, allerdings trauen Kinder und Erwachsene anders. Eltern wollen oft Stärke zeigen, allerdings fungieren sie als Vorbild im Umgang mit Trauer, Kinder wiederum fühlen sich mir ihrer großen Trauer oft allein. „Das Problem in den Familien ist, dass Eltren ihre Kinder schonen wollen und vor dem Tod und dem damit verbundenem Schmerz schützen wollen“, erklärt Ferny Hentges-Wagner. Hentges-Wagner hat beim Palliativverein „Omega 90“ jahrelang trauernde Kinder und deren Familien betreut und nun mit „Ich möchte nicht mehr so traurig sein“ ein Kinderbuch über Trauer geschrieben.

Kinder trauen sprunghaft

Das Trauerverhalten von Kindern kann ähnlich kompliziert sein wie das von Erwachsenen. „Kinder wollen Eltern schützen und stark sein, sie wollen wegen ihrem Kummer auch nicht anders behandelt werden als ihre Freunde.“ Zu wenig über den Todesfall reden ist da problematisch. „Kinder trauern eher sprunghaft, sie weinen für fünf Minuten sehr heftig, dann können sie sich für den Rest des Tages wieder freuen, Erwachsene trauern anders, dies führt manchmal zu Missverständnissen.“ Besonders problematisch ist auch der Tod eines Geschwister: „Da trauern Kinder doppelt, um den Spielkameraden, zu dem die Beziehung oft auch von Rivalität geprägt war, und um die Eltern, die nicht mehr so sind wie früher.“

Hinzu kommt, dass Kinder den Tod in jedem Alter anders verstehen. Vor sechs Jahren haben sie laut Hentges-Wagner kein Zeitgefühl und können daher nicht begreifen, dass der Tote nicht zurückkommen wird. Ab sechs Jahren fangen Kinder zu verstehen an, dass der Tod eine Ursache hat und irreversibel ist, das gleiche Todesverständnis wie Erwachsene wird ab zehn, zwölf Jahren entwickelt. „Es macht generell, vor allem bei Kindern unter sechs Jahren, einen Unterschied, da diese nicht verstehen können, dass der Tod endgültig und irreversibel ist.“

Unsinnige Trauer-Mythen

Daher schlägt Hentges-Wagner vor, Kinder in den Abschiedsprozess auf der Beerdigung einzubeziehen, sie aber vorher zu fragen und keinesfalls zu zwingen. „Meistens möchten die Kinder mit, schon allein, weil sie neugierig sind und wissen wollen, was da passiert“, berichtet sie. Für den Fall, dass ein Kind nicht mit will, empfiehlt die Trauerbegleiterin, nach der Ursache zu fragen: „Meistens sind es ganz andere Gründe, als sich Erwachsene vorstellen können, etwa weil es denkt, dass es nicht brav war oder lieber spielen will.“ Ansonsten gibt es die Möglichkeit, das Kind etwas malen oder basteln zu lassen, damit es bei dem Abschied in einer Form präsent ist.

Aus ihrer Erfahrung weiß die Luxemburgerin, dass bestimmte Trauer-Mythen völliger Unsinn sind. Allen voran: Zeit heilt alle Wunden. „Das stimmt nicht, eine Trauer, die nicht gelebt wurde, bleibt. Oft auch Schuldgefühle und Wut“. Weil sie erlebt hat, dass hinter vielen Depression oft eine nicht gelebte Trauer steckt, will sie mit ihrem Kinderbuch auch präventiv arbeiten. Außerdem können Trauerbegleiter nur helfen, wenn die Erziehungsberechtigten mit dem Kind in die Beratung kommen. „Jeder muss für sich entscheiden, ob er professionelle Hilfe will oder nicht. Ich habe das Buch geschrieben um auch solche Kinder und Familien zu erreichen, die nicht gerne an Beratungs- oder Begleitungsgesprächen teilnehmen.“ Daher gibt die ehemalige Kinderkrankenschwester zu bedenken: „Ein Kind, das die Erfahrung gemacht hat, dass es Trauer zulassen kann und dass es nachher auch wieder besser geht, macht eine wichtige Erfahrung für das ganze Leben.“

Die Trauerbegleitung muss man sich nicht langwierig vorstellen. „Wir führen erst ein Gespräch mit den Eltern, dann arbeiten wir mit dem Kind in Gesprächen und über Spielen und Malen.“ Nach ihrer Erfahrung sind viele Eltern froh, wenn sie bei der Trauerarbeit entlastet werden. „Oft reichen drei Termine zu einer Stunde und es geht den Kindern besser.“ Ein weiterer Mythos ist der vom Vergessen des Verstorbenen. „Man soll weiterleben, den Verstorbenen loslassen, aber nicht vergessen, sondern ihn an einem sicheren Ort lassen“, erklärt Hentges-Wagner. Kinder könnten sich den Ort, an dem der Tote ist, „sehr fantasievoll ausmalen, erlaubt ist, was hilft“, rät sie. Helfen können auch Sport und als Familie weiter Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen.

Das Kinderbuch „Ich möchte nicht mehr so traurig sein“ erzählt die Geschichte der neunjährigen Joy, deren Schwester an den Folgen eines Verkehrsunfalls stirbt. Aus der Sicht des Mädchens wird beschrieben, wie die Familie mit der Trauer umgeht, mit den Erinnerungen an die Tote lebt und ihr Leben neu ordnen muss. Das Buch entlässt den Leser aber hoffnungsvoll, denn Joy lernt mit dem Verlust umzugehen und findet den Weg in ein frohes Leben wieder. Das Buch ist nicht nur für betroffene Kinder und ihre Eltern gedacht , sondern auch für andere Erwachsene, die mit - aus welchen Gründen auch immer - trauernden Kindern zu tun haben.


Informationen über Asbl „Omega 90“ und das

Beratungsangebot auf der Internetseite omega90.lu.