NIC. DICKEN

Wenn Politiker heute unterstreichen, mit einem Partner oder Kontrahenten auf Augenhöhe zu diskutieren, dann ist das nicht unbedingt eine Frage der relativen Größe, sondern vielmehr eine Frage der Flexibilität, wie weit nach unten man sich beugen und bücken kann und muss, um auf das Niveau des Gegenübers zu kommen. Der Begriff, soviel haben wir in den letzten Monaten und Jahren hinlänglich feststellen können, klingt besser als das, was die Akteure daraus machen.

Nachdem vor anderthalb Monaten der amtierende US-Präsident mit dem etwas kurz geratenen Diktator aus Nordkorea „auf Augenhöhe“ diskutiert hatte, hatte sich das auch der Präsident der EU-Kommission Mitte der vergangenen Woche mit dem Chef des „Oval Office“ vorgenommen.

Offensichtlich hat das ja auch geklappt, wie die Pressekollegen aller Medien im Nachhinein, teils mit großem Staunen, zu berichten wussten. Was allerdings das den Fernsehbildern zufolge mit Momenten etwas peinlich wirkende „tête-à-tête“ am Ende zustande gebracht haben soll, werden wir wohl erst in den nächsten Monaten erfahren.

Offenkundig ist ja bislang lediglich, dass der Kommissionspräsident, der dem US-Präsidenten zum Abschied küssend um den Hals fiel, die drohende Zusatzbesteuerung von Importen europäischer Hersteller von Nobelautomarken zunächst abgewendet und den europäischen Markt für die Lieferung von Flüssiggas und Sojabohnen weit geöffnet haben soll. So zumindest in offizieller Lesart der „Deal“, wie Juncker sich befleißigte, wenigstens einige Worte ins Mikrofon zu sprechen, von denen er sicher sein konnte, dass sie auch sein Gesprächspartner verstehen würde.

Es dürfte denn auch vermessen sein, dem „Washingtoner Gipfel“ - schon wieder einer! - mehr abzugewinnen, als er in Wirklichkeit war: Eine große Showinszenierung mit theatralischen Gesten, die allerdings einer konkreten Umsetzung bedarf, um am Ende auch überzeugen zu können.

Aber selbst der Gehalt der getroffenen Vereinbarungen lässt Fragen und Zweifel offen. Wer soll denn jetzt urplötzlich in Europa die Massen an Sojabohnen, die bislang ungeachtet der Genmanipulation in China dankbare und wenig kritische Abnehmer fanden, übernehmen? Wo könnte das vergleichsweise kostspielige Flüssiggas aus den Staaten in Europa umgeschlagen werden, um den Gasfluss aus Russland wirkungsvoll untergraben zu können? Wer ist bereit, den höheren Preis dafür zu bezahlen?

Die angeblich segensreichen Abmachungen von Washington stecken mittlerweile in Europa so manchem verantwortlichen Politiker wie ein Kloß im Hals, zumal ja im Vorfeld von Junckers Reise keinerlei Absprachen oder gar Abmachungen mit den nationalen Regierungsverantwortlichen getroffen worden waren, die aber letztendlich die Konzertierung übernehmen müssten.

Nicht nur aus der Bibel wissen wir, wie trügerisch Bruderküsse sein können. Donald Trump war es immerhin den Versuch wert, sein Image im Land wieder aufzupolieren.