Der Tenor gestern war klar, als der zweifelhafte Umgang mit den Examensfragen des Lernzyklus 4.2 bestätigt wurde: Den Preis für das Fehlverhalten der Erwachsenen, ob Beamte im Ministerium, Lehrer in den Schulen oder Eltern bezahlen nun die Schüler. Genauso beschämend das Verhalten der Sekundarschullehrer in den Examenskommissionen der Abiturprüfungen, die im Konflikt mit dem Minister ihren Forderungen mit Boykottmaßnahmen besagter Prüfungen Nachdruck verleihen wollten. Brauchen wir nun neben den Deontologiekodizes für Minister, für Abgeordnete, für Staatsräte und Staatsbeamte auch noch welche für Eltern und Lehrer? Eine Lektion darin, dass man unbeteiligte und auch noch schwächere Dritte nicht in Konflikte hineinzieht? Eine umfassende moralische Wende, weil keiner mehr so richtig weiß, was man tun darf und was nicht?

Nun kommt zu den Klagen gegen Unbekannt im Verteidigungsministerium und im Wohnungsbauministerium auch noch die im Bildungsministerium dazu. Klagen wollen auch die Erzieher und Sozialpädagogen, weil sich die Karriereaufwertung im öffentlichen Dienst nicht rückwirkend für alle bezahlt machen soll, die Jungen nun besser wegkommen als die Alten. Das war von vorneherein so vereinbart, kontert der zuständige Minister. Nächste Lektion: Eine neue Regierung schmeißt nicht alles wieder um, was die Vorgänger ausgehandelt haben. Vor allem kann es nicht sein, dass Vereinbarungen mit der Staatsbeamtengewerkschaft von Untergruppen wieder in Frage gestellt werden können. Die Zersplitterung der Gewerkschaftslandschaft im öffentlichen Dienst, die Abspaltung einzelner Berufsgruppen, wie beispielsweise die Lehrbeauftragten, die sich von ihrem Dachverband nicht mehr ausreichend vertreten fühlten oder die „Proffenkomitees“, die sich plötzlich massiv störend in Verhandlungen zwischen offiziellen Berufsrepräsentanten und Politik einmischen, sind keine gesunde Entwicklung für den sozialen Frieden. Die Regierung hat ja derzeit mit der Opposition und Fehlverhalten aus ihrem eigenen Exekutivapparat mehr zu tun als mit der politischen Opposition. Da kann man nur hoffen, dass bei den anstehenden Sozialwahlen im öffentlichen Dienst diese Entwicklung nicht gestärkt wird. All das zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild vom Staatsapparat und seinen Bediensteten. Ja, die Zeiten sind vorbei, als ein Premierminister Konflikte, wie damals mit den reformunwilligen Grundschullehrern, zur Chefsache erklärte und in der ersten Verhandlungsrunde schlicht das Scheckbuch zückte. Die damalige Aufwertung der Lehrergehälter ist den Sekundarschullehrern heute noch ein Dorn im Auge, weil der Unterschied in den Gehältern zwischen „Zweite-Klasse-Akademikern“ und wahren Bildungswissenschaftlern nicht mehr ausgeprägt genug ist. Neid und Missgunst allenthalben, jedes Mittel ist recht, um sich oder seinen Kindern einen Vorteil zu verschaffen - da kommt die Diskussion um den Werteunterricht ja genau richtig. Aber ob rein praktisch philosophisch oder auch religiös ausgerichtet, Lektionen darin, wie man sich in einem Gemeinwesen sozialverträglich verhält, scheinen bitter nötig.