LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Mare Nostrum“ mit Fresu, Galliano und Lundgren in der Philharmonie

Es gibt Konzerte, die man als schönstmögliche Erlebnisse in Erinnerung behält und andere, die wir als komplett wertlos klassieren. Zu der ersten Kategorie zählen unweigerlich die memorablen Auftritte des französischen Akkordeonisten Richard Galliano, den wir schon vor etlichen Jahrzehnten im Bonneweger „Centre Culturel“ mit seinem damals spektakulären Projekt „New Musette“, später beim Wiltzer Festival oder mit dem hiesigen Sinfonieorchester noch letztes Jahr im Trierer Stadttheater und dem „OPL“ in der Philharmonie mit Vivaldi und Piazzola bestaunen durften.

Permanente Hochspannung

Bei dem italienischen Startrompeter Paolo Fresu ist das Resultat manchmal ein fragwürdiges Unterfangen, enttäuschte der eigentlich hervorragende Jazzmusiker schon einige Male durch allzu klischeehafte Banalitäten oder wie einst bei den Wiltzer Festspielen mit einem von Routine geschwängerten Auftritt, der einfach nur langweilte.

Ganz anders verhielt es sich bei dem wunderbaren Konzert am letzten Freitag in der Philharmonie. Ob es an den ansteckend anspornenden Phrasen des schwedischen Pianisten Jan Lundgren, an den intensiv vernetzten Harmonien des französischen Akkordeonisten oder an dem musikalisch vielseitig orientierten, anspruchsvollen Repertoire lag, ist dahingestellt, jedenfalls zeigte sich Trompeter Paolo Fresu in Topform und trug mit seiner geschmeidigen Sensibilität und seinem harmonischen Charme wesentlich zu der einzigartigen Spannkraft der Combo bei.

Auch die ungewohnte Konstellation des bass- und schlagzeuglosen Ensembles mit Blechbläser, Akkordeon und Piano dürfte die Motivation der drei Solisten beflügelt haben. Aber es sind eigentlich nicht die charakteristischen Kunststücke der Solisten, die die Etikette dieser ideal dem Zeitgeist entsprechenden Musik ausmachen, sondern die kontinuierliche Kraft des Kollektivs mit permanenter Hochspannung.

Größte Publikumszustimmung erreichten die eher volkstümlichen Kompositionen Gallianos, bei denen immer wieder die Handschrift eines Astor Piazzola oder typische „Valse-Musette“-Phrasen hervorstachen. Auf der virtuos gehandhabten Mundorgel war unweigerlich seine Bewunderung für den belgischen Star-Mundharmonikaspieler Toots Thielemans zu erkennen.

Galliano ist durch seine elegante, aber explosive Spielweise maßgeblich für die Renaissance des Akkordeons verantwortlich und sorgt mit seinen Vitalitätsinfusionen, wie an diesem Abend, immer wieder dafür sein Instrument aus den Fängen der Antiquität zu befreien. Eine noble Geste seitens Galliano war es, die Zugabe dem im Januar verstorbenen französischen Komponisten Michel Legrand mit dessen Hit „Les moulins de mon coeur“ zu widmen, einer ergreifenden Ballade, die neben einem schwedischen Folksong nicht aus der Feder einer der drei Interpreten stammte. Dieser war von dem schwedischen Pianisten Jan Lundgren zwecks des außergewöhnlich reichen multikulturellen Aspekts des Trios arrangiert worden.

Überhaupt war Lundgren die Überraschung und die Entdeckung der von „Worldmusic“ angehauchten, jazznahen entspannten Soiree. So intensiv, stilprägend und raffiniert, wie wir ihn noch nie erlebt hatten, wusste er gekonnt die gesamte Palette der pianistischen Vielfalt mit Exkursionen in den Bereich der modernen Kammermusik, der Folklore und des Jazz, in seinem bodenständigen Integrationsprozess, zu verarbeiten.

„Eine ruhige, poetische Musik wie eine Glücksdroge“ urteilte das Magazin „Stern“ und „Radio Bremen“ sprach sogar von „Melodien zum Niederknien“.

Jedenfalls erlebten wir ein Ausnahmekonzerterlebnis, das einen besonderen Platz in unserem Jazz-Poesiealbum einnehmen darf und nachhaltig an eine der schönsten Erfahrungen in punkto wahrer Weltmusik, ohne den meist üblichen faden Beigeschmack, erinnern wird.