LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Riccardo Muti und das „Chicago Symphony Orchestra“ in der Philharmonie

Zu einem Feuerwerk von sonoren Highlights und tiefgründiger Kompaktheit entwickelte sich die einzigartige Soiree mit zwei bedeutenden Eckpfeilern der Spätromantik und des Neoklassizismus, die das weltberühmte, zu den „Big Five“ gehörende, Orchester mit der pathetischen Konzertouvertüre „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner einläutete. Das etwas überladene Komprimat der 150-minütigen Oper auf elf Minuten eignet sich jedoch bestens, die Finessen der Front- und die machtvolle Präsenz der Hintergrundmannschaft eines großorchestralen Apparats in prägnanten Passagen zu beleuchten, was dem „Chicago Symphony Orchestra“ am Donnerstag in der Philharmonie überzeugend gelang.

Betörende Klangfülle

Ursprünglich war die sinfonische Dichtung „Meeresstille und glückliche Fahrt“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy angesagt, aber auch Wagner schaffte es, die maritimen Naturereignisse klangbildlich einzufangen und musikalisch spannend zu illustrieren. Mit einer betörenden Klangfülle und graziösen Leichtigkeit interpretierte das traditionsreiche Orchester unter der Leitung seines schon legendären Chefdirigenten Riccardo Muti dieses auskomponierte Werk, das neben Debussys „La Mer“ und Tschaikowskys „Der Sturm“ zu den bedeutendsten maritimen Naturdarstellungen der Musikliteratur gehört. Hier war es die von Stillstand und Bewegung geprägte Dynamik, die gleich den gewaltigen Klangkörper des CSO und die individuelle Kraft der einzelnen Register in einer beeindruckenden Inszenierung vorstellte.

Auch bei der originell ambitionierten Sinfonie „Mathis der Maler“ des zeitlebens umstrittenen und verkannten Paul Hindemith handelt es sich um Programmmusik. Die Geschichte, die der Maler Mathis Grünewald in seinem Triptychon „Isenheimer Altar“ illustriert hat, inszenierte der Komponist in einem ergreifenden Wechselbad der Gefühle mit thematischem Material vom geistlichen Volkslied bis zu fantastisch aufgebauten Errungenschaften der modernen Polyphonie, ein imposantes Spiegelbild einer zeitlosen Dramaturgie, das vom CSO mit unglaublicher Kraft und Intensität umgesetzt wurde.

Grenzenloses Hörvergnügen

Highlight der Soiree war die von melodiösen Einfällen schäumende 9. Sinfonie (Aus der Neuen Welt) des tschechischen Komponisten Anton Dvorak. Allerdings bezieht sich die Titulierung weniger auf die Verarbeitung authentischen Kulturguts als auf den Kreationsort New York. Dass Dvoraks Begegnungen mit der Folklore des neuen Kontinents äußerst sparsam und irreführend gewesen sein mussten, beweist seine nicht ernst zu nehmende Aussage, dass „die Musik der Neger und die der Indianer fast identisch klinge“.

So finden wir auch nur wenige Ansätze wie die Anwendung synkopierter Notenwerte beim Leitmotiv, das in den vier Sätzen immer wiederkehrt und gelegentliche pentatonische Basen. Anlehnungen an Negrospirituals oder die vom Englishorn vorgetragene wehmütige musikalische Beschreibung weiter Prärielandschaften im „Largo“ könnte man schon in dem großangelegten Opus entdecken. Diese, Dvorak wohl berühmteste Melodie aus seiner meistgespielten Sinfonie, wurde übrigens häufig von Jazzmusikern wie u.a. von Pianist George Cables in einer Solobearbeitung oder Saxofonist Branford Marsalis verwendet.

Ansonsten ist wie in fast allen Kompositionen Dvoraks der Geist böhmischer und mährischer Folklore markant präsent.

Die bedächtige Ruhe, die Orchesterleiter Riccardo Muti während des ganzen Konzerts ausstrahlte, verhalf der Interpretation dieses monumentalen Opus’ zu einem Beispiel an grenzenlosen Hörvergnügen. Hier waren keine überflüssigen theatralischen Gesten bei den Tuttis, keine übertriebenen, effektvollen Anweisungen angesagt, nur diskrete, wohl durchdachte Anleitungen zur optimalen, akustischen Ausführung bestimmten die einmalige Erlebnisreise durch das imposante Klangbild. Dass der seit 20 Jahren als Chefdirigent des CSO fungierende Maestro seine Musiker wie seine Tasche kennt und den Solisten periodisch völlig freie Hand ließ, merkte man daran, dass Muti zeitweise fast regungslos verharrte und nur durch feine Andeutungen das Ensemble durch die mosaikähnlich angelegte Struktur des Meisterwerks führte.

Besonderes Verdienst des aus Neapel stammenden Weltbürgers ist zweifellos sein Talent die Individualität der einzelnen Werke mit unvergleichlich, diskreter Intensität zu vermitteln und schon allein seine Taktik optisch zu verfolgen ist ein Hochgenuss.

Höhepunkte des memorablen Konzerts waren die kompakten Intermezzi der klanggewaltigen Bläsersektion, insbesondere der pompösen Blechbläser, obschon die Einsätze nicht immer nanosekundengenau waren.

Abschließend konnten wir als Zugabe ein wunderbares Opernintermezzo aus der Feder von Umberto Giordano genießen.

P.S. Gedanken machen könnten sich die Verantwortlichen der Philharmonie, ob es nicht eventuell sinnvoll wäre, die Bestuhlung einer gründlichen Überholung zu unterziehen. Das Knarren und Ächzen der Fauteuils bei der geringsten Bewegung wirkt fast ebenso störend wie das unvermeidliche willkürliche und unwillkürliche Husten. Nur dass das Problem mit der Geräuschkulisse des Mobiliars einfacher zu beheben wäre.