Geht von elektronischer Musik die Rede, dann fallen dem durchschnittlich interessierten Musikhörer, sollte er denn schon etwas älter ein, auf Anhieb wahrscheinlich Namen wie Jean Michel Jarre, Vangelis oder Kraftwerk ein, derweil die mittelalten unter uns an Synthie-Pop-Gruppen wie Depeche Mode und die noch jüngeren an Grime oder Dubstep denken dürften. Damit liegen zwar irgendwie alle richtig, allerdings kam der elektronischen Musik in seiner ursprünglichen Bedeutung einmal die weit weniger profane Aufgabe zu, neue, jenseits der bisherigen Musik liegende Klangräume zu erforschen, wobei die in diesem Bereich tätigen Künstler ab Mitte des vorigen Jahrhunderts für ihre neuartigen Klangformen unter anderem auf reine Töne (Sinusschwingungen), Geräusche (zum Beispiel weißes Rauschen) und Impulse zurückgriffen.
Der Grundstein für elektronische Musik wurde zwar schon in den Jahren um 1915 gelegt, als der italienische Futurist Luigi Russolo seine ersten Erfahrungen mit eigens entwickelten Schalltrichter-Kästen machte, die Donner-, Explosions- und Pfeifgeräusche erzeugen konnten (als älteste Klangaufnahme gilt indes ein verrauschter Ausschnitt aus dem französischen Kinderlied „Au Clair de la Lune“ aus dem Jahre 1860), doch als Geburtsstunde der elektronischen Musik wird gemeinhin „Étude aux chemins de fer“ aus dem Jahre 1948 angesehen, in die auch konkrete Musik miteinbezogen wurde, so dass man hier auch von „Musique concrète“ sprach - und spricht.
Zusammen mit Pierre Henry gründete Schaeffer dann auch Anfang der 50er Jahre in Paris die „Groupe de musique concrète“, aus der später die „Groupe de recherches musicales“ (GRM) werden sollte, an der sich zeitweise zu Weltruhm gekommene Komponisten wie Luc Ferrari, Iannis Xenakis, Olivier Messiaen, Edgar Varèse, Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen beteiligen sollten. Ernsthafte Konkurrenz für die GRM wuchs in diesen Jahren aber im deutschen Köln heran, wo bereits erwähnter Stockhausen Mitte der 50er Jahre im WDR-Studio für Elektronische Musik das ewige Meisterwerk „Gesang der Jünglinge“ erschuf, das neben rein elektronisch erzeugten Klänge auch mit Tonbandtechnik nachbearbeitete Knabenstimmen verwendete. In Amerika entstand indes Anfang der 60er Jahre das „San Francisco Tape Music Center“, an dem unter anderem Pauline Oliveros, Steve Reich, Terry Riley und Morton Subotnick tätig waren, wobei zahlreiche Pioniere der elektronischen Musik aber heute leider weitgehend vergessen sind.
Besonders interessant an der elektronischen Musik ist insbesonders, dass diese als erste Musik die Grenzen zwischen so genannter E-Musik, also der ernsten Musik, und U-Musik, also der Unterhaltungsmusik, verwischte, gäbe es heute ohne elektronische Musik doch kein Techno, kein Hip-Hop, kein Ambient und auch kein Noise.
Dass die elektronische Musik einen solchen Einfluss in der Musikwelt bekommen hat und sogar auch im Mainstream Fuß fassen konnte, dürfte aber auch damit zu erklären sein, dass sie ziemlich von Anfang an auch in Filmen zum Einsatz kam (unvergesslich „Switched-On Bach“-Erschaffer Wendy Carlos Beethoven-Interpretation in Stanley Kubricks „Clockwork Orange“), um kurze Zeit darauf in Hits wie „Popcorn“ (1972), „Oxygène“ (1976) oder „Magic Fly“ (1977) ein Millionenpublikum zu erobern. Dann kam Hip-Hop, Electro Funk, Synthie-Pop und Techno, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte. An die Väter (und die vereinzelten Mütter) sollte man sich gerade deshalb erinnern...


