SENNINGERBERG
CORDELIA CHATON

Türkan Dagli kam 2001 für ein paar Monate nach Luxemburg - und prägt seither mit ihrem Stil die Architektur des Landes mit

Das Büro ist weiß, das Kleid schwarz und die Linien ihrer Entwürfe so klar wie ihr Geist: Türkan Dagli ist eine Architektin mit einer eigenen Handschrift. Sie weiß, was sie will und was sie ist: „Ich fühle mich weder als Türkin, noch als Deutsche“, sagt sie. Und genau deshalb lebt sie gern in Luxemburg. „Hier kann ich alles sein.“

Dagli ist zunächst mal vor allem eines: Begeisterte Architektin mit Ambitionen. Deshalb hat das am Niederrhein geborene Kind türkischer Einwanderer überhaupt in Luxemburg angefangen. „Ich wollte eigentlich nur sechs Monate bleiben, um Französisch zu lernen“, erzählt sie über ihre Ankunft 2001 in Luxemburg. Ihr Ziel war damals das Büro des französische Star-Architekten Dominique Perrault, der unter anderem die Nationalbibliothek in Paris entworfen hat. Nach dem Studium in Aachen hatte sie erste Berufserfahrung in Frankfurt am Main gesammelt. Aber dort gefielen der Frau, deren Nachname so viel wie „in den Bergen lebend“ bedeutet, die Glaspaläste nicht. Und schließlich ist der Main nicht die Seine, große Namen fehlten.

Dagli will von den Großen lernen. Auf eine etwas anarchische Art, zugegeben, aber doch. „Meine zwei großen Leidenschaften im Leben sind die Architektur und die Philosophie. Daraus ist im Laufe meines Lebens eine Art der Architekturphilosophie entstanden. Die Themen, an denen ich arbeite, sind: „Über die Preisgabe von Geheimnissen“, „Unsichtbarkeit - Absolute Anpassung“ oder „Produktive Verzweiflung“, erzählt sie.

Auf solche Themen kommt sie durch Gedanken von und über Camus, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche oder Fernando Pessoa auf. Vermischen mit den Ideen berühmter Architekten und ihren eigenen Visionen, gewürzt mit Gedanken und Meinungen von zeitgenössischen Künstlern wie Marina Abramovic , Joseph Beuys und vielen anderen ein, ergibt das ihren Stil. „Zurzeit schreibe ich ein Buch über diese architektonisch - philosophischen Gedanken“, verrät Dagli.

Dieser Stil hat sich nach und nach entwickelt. In ihrer Anfangszeit in Luxemburg arbeitet sie zunächst in einem Architekturbüro in der Stadt als Projektleiterin und lernte abends Französisch. Irgendwann besuchte sie einen Freund in Paris, sah dessen dunkle, winzige Wohnung, die Enge und das Büro des Stararchitekten. Da war ihr klar: „In Luxemburg gefällt es mir besser.“ Dagli beschloss zu bleiben - und machte sich 2005 selbständig.

Heute hat sie acht Mitarbeiter. „Gerade habe ich zwei Architektinnen aus der Türkei eingestellt, die sehr gut ausgebildet sind. Wir wachsen und kommen mit der Arbeit kaum nach“, berichtet die Chefin. Auf die Idee kam sie, nachdem die Adem ihr eine türkische Architektin vermittelt hatte. „Wir bauen eine ganz neue Abteilung auf, die sich nur um europaweite Wettbewerbe kümmert“, berichtet die 43-Jährige. „Seit der Eröffnung haben wir kaum an Wettbewerben teilgenommen, weil immer die Zeit fehlt.“ Weil das so ist, hat sie die Bewerbungsgespräche über Skype geführt. „Wir beschäftigen auch Spanierinnen und Portugiesinnen“, sagt sie. Frauen fördert die Gründerin gern. Sie machen die Hälfte ihrer Mitarbeiter aus. Und sie haben blaue Visitenkarten, während Männer - auch ihr Partner Matthias Eichhorn - rosa Visitenkarten verteilen. Dagli lächelt. Gleichberechtigung gibt bei ihr in allen Bereichen. „Wir zahlen den gleichen Lohn und alle übernehmen die gleichen Aufgaben. So besuchen Architektinnen auch Baustellen.“ Dass das nicht branchenüblich ist, weiß sie nur zu gut. Schließlich kommt sie herum. Neben ihrem Job war sie zwei Jahre lang Architekturprofessorin in Trier. „Da habe ich meine Leidenschaft für die Lehre entdeckt, das mache ich wieder, wenn ich Zeit habe“; versichert sie.

Im Moment geht das nicht, denn die Architektin hat auch noch ihre eigene Möbellinie „Inherited“ in Porto. „Sie will die traditionelle Handwerkskunst im Umgang mit Holz, die viele Handwerker dort noch beherrschen, in Kombination und Kontrast mit Farbe setzen. Die ersten Prototypen sind gebaut, und werden in unserem neuen Büro, das zurzeit in Senningerberg gebaut wird, zum Einsatz kommen“, verrät die Architektin.

Luxemburg ist für Architekten interessant. Stararchitekt Ieoh Ming Pei hat hier das „Museum für Moderne Kunst Grand-Duc Jean“ (MUDAM) entworfen, der französischen Architekt Christian de Portzamparc die Philharmonie und am „Royal Hamilius“, bei dem Dagli den zweiten Platz belegte, war das Büro „Foster and Partners“ des namhaften britischen Architekten Sir Norman Foster beteiligt. Dagli sieht sich da in guter Umgebung. „Wir haben unsere eigene Handschrift“, sagt sie selbstbewusst, „ wir haben viele internationale Preise gewonnen. Und wir bauen qualitativ hochwertig.“ Dagli zeigt Entwürfe wie die Mutterstation der Klinik Bohler, den Expo-Entwurf für Dubai oder das Gebäude für die Domaine des Crémantherstellers Alice Hartmann. Auftragsprobleme hat sie keine, im Gegenteil.

Weil ihre Geschäftsräume nahe dem Findel zu klein werden, baut sie demnächst ein neues Gebäude, das sowohl Wohn- als auch Geschäftsräume enthalten wird. Luxemburg hat es ihr angetan. Und der Beruf. „Die Architektur begreife ich als pure Leidenschaft, sonst wäre man nicht in der Lage, so hart dafür zu kämpfen.“

Ihre Visionen für die Zukunft sind: „Das Passivhaus als Standard. Ohne synthetische Isolierung bauen, sondern Dämmsteine und zu den dickeren Wandstärken von früher zurückgehen. Außerdem sollte jedes Gebäude 25 Prozent der Wohnfläche als Grünflächen ausweisen und der Stadt Grün zurückgeben, und dies nicht nur vom öffentlichen Raum erwarten. Und da, wo es passt und Sinn macht, höher zu bauen, um der Bevölkerungs- und Preisentwicklung gerecht zu werden.“

Das wird sie mit ihrem Stil verbinden, der auf ganz unterschiedlichen Vorbildern beruht. Carl Friedrich Schinkel, der Berlin mit klassizistischen und neugotischen Bauten wie der preußischen Königswache, dem Schauspielhaus und dem Alten Museum prägte. Oder eben Dominique Perrault, wegen dem sie einst nach Luxemburg kam. Alt und neu ist für sie kein Widerspruch.

Auf dem weißen Besprechungstisch stehen zierliche, altmodische Kaffeetassen mit Pastellblümchen. Dagli lächelt. „Der Mix gefällt mir“, sagt sie. Das trifft auch auf das Land zu. „Der Anfang hier war schwer“, erinnert sie sich. Doch jetzt ist Dagli Teil der Gesellschaft, ihr Unternehmen Mitglied bei der „Fédération des Jeunes Dirigeants d’Entreprise de Luxembourg“ und beim „Ordre des Architects et des Ingénieurs-Conseils“ (OAI). Und sie ist nach 15 Jahren heimisch geworden. In diesem Jahr will die Deutsch-Türkin Luxemburgerin werden.

www.dagli.lu