LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Klarträumer

Die eigenen Träume kontrollieren oder sogar steuern, geht das? Anscheinend, und es soll sogar wissenschaftlich belegt sein. In diesem Fall redet man von einem „Klartraum“ oder einem „luziden Traum“. Die einfache und gängige Definition ist: Ein Klartraum ist ein Traum, in dem der Träumende weiß, dass er träumt. Oder um es mit den Worten des 1998 verstorbenen deutschen Klartraumforschers Paul Tholey zu sagen: „Klarträume sind solche Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, dass man träumt und nach eigenem Entschluß handeln kann“.

Während des Traums wird dem Schlafenden also in einem gewissen Moment bewusst, dass er schläft. Wenn er dies erkennt, kann es auch gelingen, aktiv ins Traumgeschehen einzugreifen, wobei der Fantasie und den Möglichkeiten dann wie es scheint kaum noch Grenzen gesetzt sind. Es gibt sogar Anleitungen, wie man diese Fähigkeit erlernen kann.

Pioniere der modernen Klartraumforschung

Die Wissenschaft hat bereits sehr früh angefangen, sich mit luziden Träumen zu beschäftigen. Neben Paul Tholey gilt der amerikanische Psychologe Stephen LaBerge als einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet. Im Rahmen seiner Doktorarbeit konnte er wissenschaftlich nachweisen, dass es sich bei Klarträumen um ein reales Phänomen handelt. Während eines Experiments ließ er im Schlaflabor seine Augenbewegungen  beobachten. Wie man nachlesen kann, war LaBerge immer wieder in der Lage, „während seiner luziden Träume ein vereinbartes, unverwechselbares und nicht durch Zufall zu erklärendes Signal durch bewusstes Hin- und Herbewegen seiner Augäpfel zu erzeugen“. Die Augenmuskeln bleiben im Gegensatz zu allen anderen Muskeln des Körpers im Traum nämlich steuerbar. Ähnliche Experimente wurden in der jüngeren Vergangenheit auch von anderen Forschungseinrichtungen durchgeführt, beispielsweise am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Gewisse Erfahrungen mit diesem Phänomen haben sicherlich schon viele von uns gemacht. Auch wenn man in seinen Träumen oftmals eine eher fantastische Realität produziert, kann es doch gelegentlich zu einem unbewussten Geistesblitz kommen, sodass man morgens mit der Lösung eines Problems im Kopf aufwacht, über das man zuvor im Wachzustand noch verzweifelt gegrübelt hatte. Dazu gibt es indes auch eine Reihe berühmter Beispiele. 

Wissenschaftliche Entdeckungen im Traum

Eine der frühesten Überlieferungen von Problemlösungen im Traum stammt von Ibn Sina, genannt Avicenna, der im 10. Jahrhundert die Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt hat. Vieles sei ihm im Schlaf klargeworden. „Auf diese Weise wurden in mir sämtliche Wissenschaften gefestigt“, soll er laut Überlieferung sogar behauptet haben. Eines der zweifellos bekanntesten Beispiele einer wissenschaftlichen Entdeckung im Traum ist die der Ringstruktur des Benzols durch August Kekulé von Stradonitz (1829-1896). Lange arbeitete er erfolglos an einem der großen ungelösten Rätsel der Chemie. Der Aufbau des Benzol-Moleküls erschien ihm schließlich im Traum. „Die Atome gaukelten vor meinen Augen. Kleinere Gruppen hielten sich bescheiden im Hintergrund. Mein geistiges Auge, durch wiederholte Gesichte ähnlicher Art geschärft, unterschied jetzt größere Gebilde mannigfacher Gestaltung. Lange Reihen, vielfach dichter zusammengefügt; alles in Bewegung; schlangenartig sich windend und drehend. Und siehe, was war das? Eine der Schlangen erfaßte den eigenen Schwanz und höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen. Wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich; den Rest der Nacht verbrachte ich, um die Konsequenzen der Hypothese auszuarbeiten“ (zitiert nach Hans Joachim Störig, Sachbuchautor und Lexikograph, l957). Auch Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, der sich lange mit der Aufstellung des Periodensystems der Elemente beschäftigte, hatte das ausschlaggebende Aha-Erlebnis im Traum: „Ich sah im Traum die Tabelle, in der alle Elemente so verteilt waren, wie es sein mußte. Ich erwachte sofort und schrieb alles auf ein Stück Papier. Nur an einer Stelle erwies sich später eine Korrektur als nötig“ (zitiert nach Pisarzhensky 1954). Der Mathematiker Henri Poincaré (1854-1912) löste ebenfalls ein mathematisches Problem, während er träumte. Und es gibt eine Vielzahl weiterer prominenter Beispiele aus anderen Bereichen. Paul McCartney, Charles Dickens, Albert Einstein, René Magritte…

Zahlreiche Einsatzgebiete

Natürlich gibt es nach wie vor Forscher, die ihre Zweifel an luziden Träumen haben und von anderen Theorien ausgehen, etwa einem kurzen Aufwachen. Mit zunehmendem Erkenntnisstand, was Klarträume anbelangt, erweiterte sich ihr Einsatzgebiet aber trotzdem. Eines davon ist die Psychotherapie, etwa zur Behandlung von Albträumen oder  posttraumatischen Belastungsstörungen. Luzides Träumen wird derweil weltweit in verschiedenen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Zielen praktiziert. Traumyoga ist zum Beispiel Bestandteil der Sechs Lehren des Naropa und damit eine aus dem buddhistischen Vajrayana stammende Praxis. 

Online finden sich inzwischen eine ganze Reihe an Anleitungen genau wie ein Angebot an Online-Seminaren, um luzides Träumen zu erlernen. Etwa hier: tinyurl.com/klartraum-seminar oder tinyurl.com/traeumen-lernen