MERZIG
CHRISTIAN SPIELMANN

Moderne Fassung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ im Merziger Zeltpalast

Am Freitagmorgen, vier Tage vor dem heutigen ersten Preview, einer Vorstellung für einen Sponsoren und seine Gäste, sieht alles noch sehr chaotisch im Merziger Zeltpalast aus. Am kommenden Freitag wird hier die Premiere von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ gezeigt.

Auf der Bühne liegen ein paar Ölfässer, neben denen sich Belmonte-Darsteller Gyula Rab durch Liegestützen aufwärmt. Vor einem Klavier, auf dem Olga spielt, dirigiert der junge Kapellmeister Stefan Bone, ein gebürtiger Merziger, die Zweitbesetzung des Belmonte, Angelo Pollak, der sich einsingt. Auch Robyn Allegra Parton, die Konstanze spielt, singt ein paar Noten, schont aber ihre Stimme an diesem Morgen. Regisseur Andreas Gergen bittet die beiden auf die Bühne. Er hat in Merzig die Musicals „Hairspray“ und „The Addams Family“ inszeniert. Europaweit ist er zu einem gefragten Regisseur geworden, wenn es um die Inszenierung von Musicals, Opern und Operetten geht. Das Duett „Welch ein Geschick! O Qual der Seele“, mit dem Konstanze und Belmonte Abschied vom Leben nehmen, wird geprobt.

Wahre Liebe kann man nicht erzwingen

1782 erlebte Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel seine Premiere in Wien. Es erzählt die Geschichte von Konstanze, ihrer Zofe Blonde und deren Freund Pedrillo, die von Seeräubern entführt und in der Türkei auf einem Sklavenmarkt verkauft werden. Beim Überfall wurde Konstanze von ihrem Verlobten Belmonte getrennt. Bassa Selim, der einst ein Christ war, aber zum Islam konvertierte, kauft die drei Sklaven. In seinem Palast können sie so ein einigermaßen zumutbares Leben führen. Bassa Selim hat sich in Konstanze verliebt, die ihn jedoch abblitzen lässt. Belmonte hat in der Zwischenzeit durch einen Brief von Pedrillo erfahren, wo sie sind und versucht sie zu retten.

Nachdem Gyula Rab die Szene mit Konstanze zu Gergens Zufriedenheit gespielt hat, muss nun Angelo Pollak ran. Auch er überzeugt den Regisseur. Schließlich steht das Finale „Nie werd‘ ich deine Huld verkennen“ an, zu dem sich Per Bach Nissen (Osmin, der Wächter des Palastes), Katharina Borsch (Blonde), Edward Lee (Pedrillo) und Boris Jacoby (Bassa Selim) auch auf der Bühne einfinden. In dieser Szene riskieren Konstanze und Belmonte förmlich Kopf und Kragen. Das neue Autorenteam hat sich jedoch ein neues Ende einfallen lassen, das hier nicht verraten wird.

Musical oder Oper?

Nach etlichen Musicals setzt der Chef der Gesellschaft „Musik & Theater Saar“ Joachim Arnold auf eine Oper. „Wir hatten wieder Lust, Oper zu machen!“, sagt er auf die Frage hin, warum er auf ein anderes musikalisches Genre umschwang. „Andreas Gergen und ich haben ein tolles Stück gefunden und einen Autor, der es verändert hat.“

Der türkisch-stämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat zusammen mit Günter Senkel Mozarts Oper umgeschrieben. So sind alle Dialog-Passagen gestrichen worden und durch Monologe des Bassa Selim ersetzt worden. „Alle Texte, die in der Musik vorkommen, bleiben so wie sie waren,“ erklärt Arnold. „Der Zuschauer versteht die Geschichte besser, weil die Monologe vom Bassa Selim die Situationen, in der sich die Protagonisten befinden, viel klarer machen.“ Für Gergen gibt es keine wesentlichen Unterschiede zu der Inszenierung eines Musicals, einer Oper oder einer Operette. „Es ist eine andere Herangehensweise. Es zählt mehr die Interpretation des Stücks,“ sagt er. „Bei der Oper muss man eine moderne Perspektive finden.“ Auch gibt es für ihn kein Genre, das er lieber mag. „Für mich ist es die Vielfalt der Kunst, alle Sparten zu bedienen. Das ergibt für mich ein großes Ganzes. Alle Genres haben ihre Vor- und Nachteile.“ Gergen findet die neue Idee der Vergebung gut. „In unserer heutigen Zeit, wo es verschiedene Ideologien gibt, ist vergeben wichtig.“ Er erklärt, dass eine Zweitbesetzung für Belmonte und Konstanze - Silja Schindler - nötig ist, der körperliche und stimmliche Aufwand ist groß.

Man darf gespannt sein, was Mozarts Oper in Merzig Neues bietet. Bereits andere Regisseure haben der Oper neue Ideen verliehen, wie etwa Hans Neuenfels 1998 in Stuttgart, als jede Figur, außer dem Bassa Selim, doppelt besetzt war: ein Schauspieler für die Dialoge und ein Sänger für den Gesang, respektiv eine Schauspielerin und eine Sängerin.


Gespielt wird vom 17. August bis
9. September. Weitere Informationen und
Tickets unter www.musik-theater.de