LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Aliens, Monster und Verrückte: Comic-Reihe stellt Science-Fiction-Fans Werke von H.G.Wells vor

Ob abenteuerliche Zeitreise oder bedrohlicher Alienangriff, ob mysteriös-fragwürdige Tierexperimente oder völlige moralische Verwahrlosung in der Folge von unumkehrbarer Unsichtbarkeit: Der britische Schriftsteller und Soziologe Herbert George Wells (1866 - 1946) bescherte der Science-Fiction-Literatur mit seinem Wirken einige zeitlose Klassiker. Dabei bleiben die meisten Stoffe des Autors aktuell, auch nach der x-ten Bearbeitung für Radio, Kino oder Fernsehen. Kein Wunder, denn Wells zählt zu den Pionieren des Science-Fiction-Romans und ist ein Meister der gesellschaftskritischen Dystopie und der feinen psychologischen Studien.

Wer die Romane nicht lesen will, die Filme schon kennt oder das Werk einfach neu - und vor allem grafisch und komprimierter aufbereitet - entdecken will, kann das dank einer sechsteiligen Comic-Serie des französischen Szenaristen Dobbs („Scotland Yard“, „Loki“) sowie der Verlage Glénat und Splitter. Erschienen sind mit wechselnden Zeichnern die frühen und bekanntesten Werke des britischen Autors: „Der Unsichtbare“, „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Doktor Moreau“ und „Der Krieg der Welten“. Die Originaltitel wurden beibehalten, auch um die Verbindung zu den berühmten Vorbildern direkt herzustellen. Die Bände liegen auf Deutsch und auf Französisch vor.

Bitterböse Satire auf Briten und ihr Kolonialreich

Den Auftakt zur Serie machten bei dem französischen Verlag „Die Zeitmaschine“ und „Der Krieg der Welten“. Im ersten Abenteuer begibt sich ein junger Wissenschaftler mittels seiner Zeitmaschine in die Zukunft, wo er auf die oberirdisch lebenden Eloi und die versklavten unterirdischen Morlocks trifft. Wells kritisierte mit dem Buch, das 1895 erschien, soziale Klassenunterschiede.

Comic-Szenarist Dobbs gelingt es, den umfangreichen Roman angemessen auf zwei Bände zu kürzen und die nicht unerhebliche Spannung des Originals zu erreichen. Der berechtigte Versuch, die schöne und gehobene Sprache des Originals etwas zeitgemäßer zu machen, ging aber manchmal zu sehr zu Lasten des Stils und der Glaubwürdigkeit dieser Person vom Ende des 19. Jahrhunderts. Zeichner Mathieu Moreau liefert konventionelle Bilder für diese sehr ferne und vom soziologischen Aspekt her sehr düstere Zukunftsvision. Visuell interessant und kohärent sind sie aber dennoch.

Satirisch geht es in dem legendären Roman „Der Krieg der Welten“ zu. 1898 veröffentlicht, sorgte in einer Hörspielversion von Orson Welles 1938 in den USA für einige Verwirrung, weil einige Hörer an eine echte Invasion glaubten. Seitdem war der Stoff Vorlage für unzählige Alien-Angriffe in Kino und Fernsehen, egal ob „Independance Day“, „Mars Attacks“ oder „Justice League“. Im Klassiker und in dem zweiteiligen Comic greifen also Männlein vom Mars Großbritannien an. Ziel ist natürlich die Eroberung der Erde und die Ausbeutung der Rohstoffe, Wasser inklusive. Das britische Militär scheitert grandios im Kampf gegen die Aliens, die munter weiter Städte zerstören. Am Ende kommt dem britischen Weltreich ausgerechnet von den niedersten Lebensformen Hilfe zu. Wells erlaubte sich hier eine bitterböse Satire auf den Kolonialismus seiner Zeitgenossen.

Mysteriöse Experimente bei Nacht

Zeichner Vicente Cifuentes gelingen für „Der Krieg der Welten“ vor allem in den Actionszenen dynamische und spannende Bilder, auch aufgrund von verschiedenen Panelgrößen. In die Handlung baut Dobbs mal kleine und gängige Gags ein, welche in der Geschichte aber funktionieren und ein Gegengewicht zur Bedrohlichkeit einiger Actionszenen bieten.

„Der Unsichtbare“ aus dem Jahr 1897 wurde von dem Szenaristen Dobbs und dem Zeichner Christophe Regnault ebenfalls als Zweiteiler angelegt. In den beiden Bänden wird aus der Sicht der Betreiber und Gäste einer Pension in einem abgelegenen Dorf erzählt. Eines Nachts, natürlich nachts und während eines Schneesturms, erscheint dort ein äußerst mysteriöser, im Gesicht stets bandagierter Gast, der sich in der Pension „Lion’s Head Inn Tavern“ einmietet und sich ausbittet, ja nie gestört zu werden. Hinter den verschlossenen Türen seines Zimmers versucht er sich an wissenschaftlichen Experimenten. Es dauert nicht lang, bis Dorfbewohner berichten, von einem Geist terrorisiert zu werden. Zeichner Christophe Regnault gelingt es, den Unsichtbaren durch kleine Details doch sichtbar zu machen sowie stimmungsvolle Dekore zu schaffen. Die Geschichte ist aber nicht nur wegen Regnault die beste der Serie, sondern auch, weil Dobbs hier noch stärker auf Stringenz und Werktreue setzt und mit einer gelungenen Dramaturgie besticht.

In der Abenteuergeschichte „Die Insel des Doktor Moreau“, von Wells 1896 verfasst, strandet der Leser mit dem Schiffbrüchigen Edward Prendick auf einem exotischen Eiland. Allerdings landet die Hauptfigur nicht wie Robinson Crusoe auf einer zunächst scheinbar unbewohnten Insel, und seine mysteriösen Lebensretter und Gastgeber stellen sich alsbald vor. Die beiden Wissenschaftler Montgomery und Doktor Moreau führen seit gut einem Jahrzehnt Experimente auf der abgelegenen Insel, auf der übrigens sprechende Tiere umherlaufen, durch. Alles auf der Insel läuft nach strengen Regeln ab, die Kreaturen dürfen nicht auf vier Beinen gehen, kein Fleisch essen und sollen Moreau wie einen Gott verehren. Der schiffbrüchige Edward stellt Nachforschungen an. Und Wells wäre nicht Wells, wenn ab einem gewissen Punkt nicht alles aus dem Ruder laufen würde.

Letzter Teil enttäuscht

Die Geschichte um den Doktor Moreau ist der vierte und letzte Teil der Reihe. Da hing die Messlatte für die Fans des Originalwerks von Wells‘ sowie der bereits erschienenen Teile der Serie hoch. In seinem Zeichenstil bildet Fabrizio Fiorentino Ambiente und Mode des Viktorianischen Zeitalters ab, das gefällt werktreuen Fans.

Was weniger gefällt, ist die allzu stark geraffte Handlung und die stellenweise etwas lieblos gezeichneten Monster. Den knapp 200-Seiten-Roman versuchte man, auf gut 50 Seiten zu packen. Da bleiben Charaktere nur skizziert zurück und manche Figur fällt in ein Logikloch der Handlung. Dass man - wie bei „Der Unsichtbare“ oder „Der Krieg der Welten“ - nicht auch auf zwei Teile gesetzt hat, schadet der Umsetzung. Und das konnten Fans der Serie und des britischen Autors nur mit schlechteren Bewertungen quittieren. Schade, denn insgesamt bietet die Reihe inhaltlich und optisch viel Unterhaltung und kann sich sonst als eine gelungene Hommage an das literarische Vorbild sehen lassen.


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