Der Video-Dienst Netflix investiert in diesem Jahr drei Milliarden Dollar in eigene Filme und TV-Serien. Gründer und Chef Reed Hastings sprach mit der Deutschen Presse-Agentur über Risiken, das Geschäftsmodell und die Kontroverse um den ersten Netflix-Film von Adam Sandler .
Schon vor einiger Zeit hatte Hastings erklärt, klassisches lineares Fernsehen werde in 15 bis 20 Jahren aussterben. Noch aber machen die Sender weiter gute Geschäfte. „Lineares Fernsehen wird im Niedergang sein wie die Festnetz-Telefonie nach der Ausbreitung von Handys“, bekräftigt Hatsing. Die heutigen Sender würden sich zu Internet-Netzwerken wandeln. „Sport wird ein wichtiger Treiber sein: Die nächste Fußball-WM etwa wird nur über das Internet mit schärferen Ultra-HD-Bildern zu übertragen sein.“
Netflix werde aber nicht für Sportrechte mitbieten, sondern sich auf Serien und Filme konzentrieren. „Sport ist sehr teuer. Aber wir wollen schnell international wachsen“, sagt Hastings. Vor sechs Monaten noch hatte Netflix etwa 15 Millionen Nutzer außerhalb der USA, jetzt sind es 20 Millionen. Ziel ist, in den nächsten 18 Monaten von derzeit 50 Ländern auch in den restlichen 150 verfügbar zu sein.
Dabei will das Unternehmen auch einfach experimentieren. In diesem Jahr gibt Netflix drei Milliarden Dollar für Serien und Filme aus eigener Produktion aus - und im jüngsten Quartalsbericht hieß es, die Investitionen dafür sollen noch steigen.
Handicap ist hier, dass Netflix mit seinem Abo-Modell keinen klaren Gradmesser für den finanziellen Erfolg einzelner Projekte hat. „Wir machen viele Nutzer-Umfragen“, sagt Hastings. „Ähnlich ist es aber etwa auch auf Kreuzfahrtschiffen. Kommen die Leute für das Essen? Oder die Musik? Das Gesamtpaket muss stimmen.“
Wenn das Unternehmen alles auf eine Karte setzen würde - etwa 500 Millionen Dollar in einen „Titanic“-Film stecken - könnte es eng werden, gibt Hastings zu. „Aber wir gehen viele kleinere Wetten ein.“
Auf die Frage, wie gut vorbereitet er auf die jüngste Welle der Kritik war, nachdem mehrere Schauspieler die Dreharbeiten des ersten Films von Adam Sandler für Netflix verließen, weil ihnen die Scherze über Indianer zu weit gingen, sagt Hastings: „Das traf uns unvorbereitet. Als Produzent von Inhalten müssen wir uns Gedanken darüber machen, was akzeptabler Humor ist, oder vertretbarer Umgang mit Sex und Religion, wo liegen die Grenzen.“ Netflix wolle aber Künstler nicht zensieren und müsse eine Linie finden.
Dass die EU-Kommission dafür sorgen will, dass Medieninhalte über Ländergrenzen hinweg ohne sogenanntes Geoblocking verfügbar sind, meint Hastings: „Wir werden in eineinhalb Jahren überall in Europa verfügbar sein, das wird uns nicht schaden“.
Die EU-Kommission will auch gleiche Rahmenbedingungen für Telekom-Anbieter und Internet-Firmen durchsetzen. Die Netzbetreiber beschweren sich oft, dass Online-Unternehmen in ihrer Infrastruktur Geld verdienen, ohne sich am Aufbau zu beteiligen.
Aus Netflix-Sicht ist es so: Die Telekom-Betreiber zahlen für das Netz, Netflix zahlt für die Inhalte - und der Kunde entscheidet, zu welchem Dienst er geht. „Das ist Netzneutralität, wenn der Kunde entscheidet.“


