PATRICK WELTER

Solange es Politik gibt, solange gibt es Attentate. Das Attentat unterscheidet sich vom Terror dadurch, dass es auf den Kopf und nicht auf den Bauch zielt. Wenn der Täter nicht in geistiger Verwirrung gehandelt hat, ließ sich das Handeln in den meisten Fällen politisch erklären. Von Brutus in Rom, über John Wilkes Booth in Washington, bis hin zu Gavrilo Princip in Sarajewo. Verbrechen mit verheerenden Folgen, aber was die Täter antrieb, war wenigstens partiell nachvollziehbar.

Um 1970 tauchte der Begriff Terror in breiter Front in den Medien auf. Eines der ersten Opfer stand in enger Beziehung zu Luxemburg. Karl Graf von Spreti war der erste Botschafter Deutschlands hierzulande nach dem Krieg (1956 -1959). 1970 wurde er als deutscher Botschafter in Guatemala von linken Rebellen erschossen. Zur selben Zeit machten palästinensische Gruppen durch Flugzeugentführungen auf sich aufmerksam. Die PLO wurde erstmals zum Begriff. 1972 dann das Attentat auf die Olympischen Spiele in München. Alle Geiseln starben, die deutsche Polizei blamierte sich bis auf die Knochen. Israel startete die gnadenlose Jagd auf die Hintermänner.

Abgesehen von den durch ultralinke Revolutionsträume verblendeten Bürgerkindern, die in der Roten Armee Fraktion (RAF) oder in den Roten Brigaden mit Bomben und Pistolen den Kampf gegen das Establishment kämpften, galt: Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer. Selbst Menachem Begin, (ultrarechter) Ministerpräsident von Israel und Friedensnobelpreisträger 1978, stand noch wegen Terrorismus auf den britischen Fahndungslisten - er hatte 1946 das King David Hotel in Jerusalem in die Luft jagen lassen. 91 Tote. Arafat, der böse Terrorbube der frühen 1970er, starb als relativ angesehener Politiker. Auch in Lateinamerika fanden ehemalige „Terroristen“, die ebenso mörderischen Militärregimen gegenüberstanden, irgendwann den Weg in die Politik.

In diesen, im Rückblick „politischen“ Zeiten des Terrorismus waren ein toter Otto Normalbürger oder ein toter Jean Dupont die absolute Ausnahme, sie waren fast nie das Ziel der Attacken. Ausnahme: Flugzeugentführungen - die fast alle Passagiere überlebten. Wer auf einen Weihnachtsmarkt ging, musste nicht fürchten, von der RAF erschossen zu werden, solange er kein Wirtschaftsboss war. Ein Staatsterrorist, Muammar Gaddafi, setzte dann auf den Bauchschuss: Von der Bombe in der Berliner Diskothek „La Belle“ (1986) bis zur gesprengten Boeing 747 über Lockerbie (1988) - wir Normalos wurden zum Ziel. Die Zeit der Ratio war vorbei.

Politische Logik interessiert nicht mehr. Jetzt stehen wir Gotteskriegern gegenüber, die aus dem tiefsten Mittelalter stammen. Angeblich von ihrem Gott beseelt greifen sie die Ungläubigen, also alle, überall an. Beim Konzert, auf der Uferpromenade und auf dem Weihnachtsmarkt. Lebensfreude scheint in ihrer Welt ein Werk des Teufels zu sein. Wer von diesem Gott beseelt ist, braucht keine Ratio. Eine perfekte Ideologie, um Mitstreiter zu finden. Du darfst alles - nur nicht lachen, tanzen, Musik hören oder gläubige Mädels begrapschen, aber ansonsten gibt dieser Gott Dir freie Hand: Du darfst Zeichner erschießen, Bomben bauen, Konzertbesucher massakrieren, Leute platt walzen. Nicht nur Rauchen ist tödlich - dieser Gott auch.