PATRICK WELTER

Mit dem Zelt an den Baggersee? Was vor wenigen Wochen noch eine Erinnerung an Teenager-Zeiten war, wäre für viele Eingeschlossene in Italien, Spanien und Frankreich geradezu ein Traumziel. Wir können immerhin schon mal vorsichtig an einen Ausflug zu den Baggerweihern in Remich oder zum Stausee nachdenken. Derzeit sieht es aber bestenfalls nach Sonnenbaden mit Maske aus.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas meinte schlicht: „Ein normaler Sommerurlaub wird nicht möglich sein“. Was für den Einzelnen eine – hoffentlich – einmalige Einschränkung liebgewonnener Gewohnheiten ist, ist für die Reisebranche tödlich. Tourismuskonzerne sind schon in Boom-Zeiten zusammengebrochen, wie das Beispiel Thomas Cook zeigt. Man muss nicht besonders pessimistisch sein, um das Jahr 2020 für die Reisebranche abzuschreiben. Ein paar besonders gierige Touristiker haben selbst einiges dazu beigetragen, aus ihren Discos und Hotels Virenschleudern für ganz Europa zu machen – Stichwort Ischgl. Nein, Gier ist keineswegs gut. Umso irritierender ist es, wenn ausgerechnet der österreichische Wunderkanzler Kurz, der bisher einen harten Anti-Corona-Kurs fuhr, nun laut über die Öffnung der Alpenrepublik für Sommertouristen nachdenkt.

Nimmt man den gängigen Pauschalurlaub als Maßstab, dann reicht die Kette der Geschädigten bei einem Totalausfall von den Airlines, über Veranstalter und Hotels bis hinunter zum kleinsten Strandverkäufer. Dann kommen nicht, wie in politischen Krisenzeiten, nur ein paar verwegene Touristen, dann kommen gar keine. Ein wirtschaftliches Desaster für typische Reiseländer – da ist es verlockend, die Lage besser darzustellen als sie ist. Denn es wird noch dauern, bis man Corona wieder mit einem mexikanischen Bier assoziiert.

Einen Totalverlust werden auch die Superstars der letzten Jahre erleiden – die Kreuzfahrer. Schiffe, die wie unter Anabolika zu schwimmenden Spielhöllen mutierten, gelten jetzt nur noch als Brutkästen für Corona-Viren. Die Reedereien und später die Werften werden Jahre brauchen, um sich von 2020 zu erholen.

Tourismus ist aber keine Frage ferner Länder. Freizeit und Urlaub beginnen schon vor der Haustür, besser gesagt, sie könnten dort beginnen. Denn aktuell geht nichts. Der Horesca-Sektor leidet am meisten unter der Krise, außer ein wenig Außer-Haus-Geschäft bleibt nichts. Egal, ob Pension im Ösling oder Ausflugsschiff an der Mosel oder Familienhotel im Müllerthal – die Situation ist mies. Dort müssen keine Konzerne eine Durststrecke abwettern, sondern dort kämpfen echte Menschen, oft in Familienbetrieben, ums Überleben - trotz staatlicher Rettungsgelder. Gleiches gilt für die Pension in Knokke, das Wanderhotel in den Vogesen oder den Ferienhausvermieter in Ostfriesland.

Wenn es um eine Exit-Strategie aus dem Lockdown geht, dann muss man auch über Lösungen für den Tourismus, zuallererst für die kleinen familiären Betriebe, nachdenken. Dort könnten schon eine teilweise Öffnung und die Zulassung einer beschränkten Gästezahl weiterhelfen, etwas Umsatz ist besser als gar keiner. Nach Wochen des Stayathome werden uns auch ein paar Tage im Ösling oder am Meer reichen – denn wir wissen jetzt: Es muss nicht immer Phuket sein.