LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Kommentar: Covid-19 in der Großregion

Die „Großregion“, gerne als Europa im Kleinen bezeichnet, gibt dieses Bild auch in der Krise wieder. Mal kleinlich, mal großherzig, hier stur, dort unkonventionell zeigt sich SaarLorLuxplus auch in der Krise als europäische Miniaturausgabe. Auch bei den Fall- und Todeszahlen durch Covid-19 streben die Trends so auseinander wie im Rest Europas. Dort ein Hochrisikogebiet, wenige Kilometer weiter scheint man das Virus zähmen zu können.

Während im Grand Est, der nur zum Teil -Lothringen - zur nominellen Großregion zählt, die Zahl der Infizierten (3.777 in klinischer Behandlung, darunter 786 Intensiv-Patienten) schon hoch ist, schockiert die Zahl der Todesfälle noch mehr: 757 (Stand gestern Nachmittag). Fast doppelt soviel wie in ganz Belgien mit 431 Covid-19 Opfern.

Doch die grenzüberschreitende Solidarität funktioniert. Schwere Fälle werden ausgeflogen, durch die Luxembourg Air Rescue, durch deutsche Rettungshubschrauber oder sogar durch die Luftwaffe. Französische Intensivpatienten wurden so auf Krankenhäuser in Luxemburg, dem Saarland und Rheinland-Pfalz verteilt. Die Air Rescue hat sogar Patienten bis nach Hamburg geflogen. In der Krise fallen auch alte Eitelkeiten. Was auf der deutschen Seite seit Jahren Normalität ist, gilt jetzt auch für Frankreich - die LAR ist mit in das dortige Notarzt-System (SAMU) eingebunden.

Die Solidarität funktioniert, andererseits meldet der saarländische Rundfunk einige Fälle, in denen französische Grenzgänger „angemacht“ wurden, sie sollten verdammt nochmal zuhause bleiben. Idioten sterben auch in Zeiten des „Social distancing“ nicht aus.

Der Unterschied der Fallzahlen ist natürlich dramatisch. Die nordöstlichen Nachbarn Frankreichs sind weit von den Zahlen des Grand Est entfernt. 1.813 Fälle mit 18 Toten in Luxemburg, „nur“ 669 Erkrankte und sechs Todesfälle im Saarland, 2.545 Infizierte und zwölf Tote in Rheinland-Pfalz.

Entsprechend sehen auch die Quarantäne-Maßnahmen aus: Frankreich beschränkt den Ausgang auf eine Stunde am Tag und einen Radius von einem Kilometer. Luxemburg mach dicht, was dicht zu machen ist, selbst die Facharztpraxen, lässt aber die Grenzen auf - deren Schließung dann andere übernehmen: Alle Nachbarn. Grenzübertritt nur mit Passierschein, kein gutes Gefühl.

Selbst die Fußgängerbrücke über die Saar zwischen Groß- (F) und Kleinblittersdorf (D) ist gesperrt. So groß ist die Angst vor dem Krisenherd Grand Est. Andererseits dürfen Handwerker weiter Außendienst machen, sie sollen nur Abstand zu den Kunden halten, die Baumärkte gehören im Saarland, wie schon berichtet, zur Daseinsvorsorge. Immerhin mit Security, die auf die Einhaltung der Mindestabstände achtet.

Grenzgänger, die zu Hause bleiben und per Homeoffice für ihre luxemburgische Firma arbeiten, haben in Frankreich und Belgien jetzt das Recht, diese Praxis deutlich länger beizubehalten als sonst, jetzt können es edrei Monate werden, ohne das der heimische Fiskus das luxemburgische Netto-Gehalt nochmal besteuert. Nicht so der deutsche Finanzminister Olaf Scholz im fernen Berlin. Gestern richtete die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Relinge einen dringenden Appell an ihren sozialdemokratischen Parteifreund, die bisher zulässige Quote von 19 Tagen steuerfreier Heimarbeit zu erhöhen oder für die Zeit der Krise auszusetzen. Schließlich arbeiten 9.000 Saarländer in Luxemburg.

Wie eingangs gesagt, in der Großregion ist man kleinlich, großherzig, stur und unkonventionell. Alles gleichzeitig.Patrick Welter