WELLENSTEIN
PATRICK WELTER

Der Strohwein löst den Eiswein ab - Edelsüßer Wein durch vorsichtige Trocknung

Noch vor einem Jahr schrieben wir an dieser Stelle: „Strohwein ist der weniger bekannte Bruder des Eisweins“, und weiter: „Sollten sich die klimatischen Bedingungen aber weiter in Richtung laue Winter bewegen, wird der Strohwein irgendwann seinen bekannteren Bruder Eiswein, der eine Temperatur von -7° Celsius beim Lesen verlangt, verdrängen und zum alleinigen Star unter den Edelsüßen Weinen werden.“

Offenbar ist der Zeitpunkt gekommen, denn in diesem Jahr haben die Mitglieder der Winzergenossenschaft „Domaines Vinsmoselle“ ganz darauf verzichtet, Trauben für eine mögliche Eisweinlese am Stock hängen zu lassen. Die Aussichten sind allzu schlecht, im vergangenen Winter kamen die ersten echten Frosttage erst im Februar. Die Zukunft gehört, wenn es um Edelsüßes geht, dem Strohwein.

Luft statt Eis

Der „Strohwein“ (Vin de Paille) ist natürlich nicht aus Stroh. Seinen Namen hat er, weil früher die Trauben für diesen Wein auf Stroh gebettet wurden, um sie schonend über einen langen Zeitraum lagern und trocknen zu können.

Die Trauben für den Strohwein werden zunächst in der normalen Lesezeit geerntet. Nur bestes Lesegut kommt zum Einsatz. Die mit allergrößter Sorgfalt ausgesuchten Trauben, keine einzige Beere darf gequetscht, faulig oder gar schimmelig sein, werden gesondert in die Kellerei transportiert und danach vorsichtig in offenen Kisten gelegt, um an einem gut belüfteten Platz, zum Teil durch Lüfter unterstützt, ohne Fäulnis trocknen zu können.

Der „Strohwein“ muss mindestens zwei Monate liegen und dann werden die Beeren gepresst. Während dem Eiswein das Wasser durch den Frost entzogen wird, ist es beim Strohwein die schlichte Verdunstung von bis zu 80 Prozent der Flüssigkeit in den einzelnen Beeren. Der Strohwein zeichnet sich durch ein außergewöhnlich reiches Aroma und eine besondere Süße aus. In Luxemburg sind derzeit nur die Rebsorten Auxerrois, Pinot blanc /gris und Gewürztraminer zum Ausbau als Strohwein zugelassen.

188° Oechsle nach zehn Wochen Lagerung

Gestern Morgen wurde die diesjährige Strohweinpressung in der Kellerei Wellenstein wieder zu einem kleinen Presseevent. Kein Wunder, denn es ist zu erstaunlich, wie aus „Rosinen“ ein echter Most gewonnen wird.

Der diesjährige Strohwein wurde am 22. September gelesen, einmal 1.904 kg Gewürztraminer mit einem Oechslewert von 95° und weitere 1.940 kg der Rebsorte Auxerrois mit 90° Oechsle. Der nach zehn Wochen Lagerung aus den Gewürztraminer-Trauben gewonnene Most hatte gestern einen Zuckergehalt von 188° Oechsle. Am Ende der Gärung muss der Strohwein einen Alkoholgehalt von mindestens zwölf Prozent erreichen. Abgefüllt auf kleine Weinflaschen, vermutlich weniger als 700 pro Rebsorte, sollte der Strohwein dann noch mindestens zwei Jahre reifen. Da er aufgrund seiner Edelsüße „nahezu unbegrenzt“ haltbar ist, wird er gerne zu Geburten oder Taufen verschenkt.

Strohwein ist nicht ganz billig aber ein außerordentlicher Genuss, die 0,375 Liter-Flasche liegt preislich um die 40 Euro.


www.vinsmoselle.lu