LUXEMBURG
ADELHEID HU

Kloertext zum Internationalen Tag der Muttersprache

Die Sprache, die eine Mutter mit ihrem Kind spricht, kann mit Recht als Muttersprache bezeichnet werden. Oft ist dies eine Sprache, es können aber auch in einer von Mehrsprachigkeit geprägten Welt zwei oder sogar drei Sprachen sein. Der Begriff Muttersprache wird aber leider oft im Allgemeinen nicht in diesem Sinne benutzt, wie Prof. Dr. Adelheid Hu des Sprachforschungsinstituts der Universität Luxemburg erklärt

„Charakteristisch für den Gebrauch des Konzepts Muttersprache ist, dass es oft emotional aufgeladen und überhöht wird (‚Die Muttersprache ist mir heilig‘, so etwa zu lesen im Rahmen der Petition zur Erhebung des Luxemburgischen zur Amtssprache im Jahr 2016), und dass er keineswegs nur auf Individuen angewendet wird, sondern auf gesellschaftliche Kollektive. Insbesondere im Kontext der Nationalstaatenbildung hat der Begriff an Bedeutung gewonnen, eng verknüpft mit der Gleichung ‚eine Nation - ein Volk - eine Sprache‘, wobei eben diese Nationalsprache oft als Muttersprache stilisiert wurde. Nicht nur, aber sehr deutlich, kann man dies am Beispiel der deutschen Sprache beobachten, wo zu Zeiten nationalistischer Strömungen sogar Sprachwissenschaftler wie etwa Leo Weisgerber kräftig dazu beitrugen, das Deutsche als die Muttersprache zu verbrämen, was nicht zu Unrecht von einigen als ‚mother-tongue fascism‘ bezeichnet wurde.

Heutzutage kann man zwei gegenläufige Strömungen beobachten: Zum einen sind viele Gesellschaften mehrsprachig, und die (schon immer problematische) Gleichung ‚eine Nation - eine Sprache‘ wird zusehends brüchig. Viele Kinder wachsen zwei, drei- oder viersprachig auf und haben mehrsprachige Identitäten. Der Mehrwert des Sprachenlernens wird betont - gerade auch im Hinblick auf grenzüberschreitendes Denken und Horizonterweiterung. Gleichzeitig gewinnen aber auch defensive und abschottende Tendenzen (wieder) an Gewicht, die die Einzigartigkeit einer Muttersprache (über)betonen, oft verbunden mit Bedrohungsszenarien und dem Abwerten anderer Sprachen. Warum diese defensive, ängstliche Haltung? Die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller ist sich der Bedeutung, die die Muttersprache für den einzelnen haben kann, sehr bewusst. Gleichzeitig betont sie die bereichernde (und gerade nicht bedrohende) Bedeutung von Mehrsprachigkeit: ‚Es tut keiner Muttersprache weh, wenn ihre Zufälligkeiten im Geschau anderer Sprachen sichtbar werden. Im Gegenteil, die eigene Sprache vor die Augen einer anderen zu halten, führt zu einer unangestrengten Liebe.‘

Der Tag der Muttersprache ist dann verdienstvoll, wenn er dafür sensibilisiert, dass alle Sprachen Muttersprachen sein können, und sich damit in pluralen Gesellschaften zwangsläufig die Notwendigkeit zu einer Valorisierung von Mehrsprachigkeit ergibt. Alle Muttersprachen der Kinder können für den Lern- und Entwicklungsprozess eine wichtige Rolle spielen, eine Einsicht, die durchaus pädagogisches Umdenken erfordert. Gleichzeitig sollte dieser Tag dazu genutzt werden, eindringlich vor ideologisierenden Verwendungen des Begriffs Muttersprache zu warnen. Luxemburg kann ein idealer Ort sein, um eine offene Kultur der Mehrsprachigkeit zu verkörpern.“