LUXEMBURG
ALAIN BREVER „CHARGÉ DE DIRECTION“ BEI DER LUXEMBURGER BLINDENVEREINIGUNG „BBF – BERODUNG, BETREIUNG A FRÄIZÄIT“

Öffentliches Leben noch nicht komplett barrierefrei

1825 entwickelte Louis Braille die nach ihm benannte Punktschrift für Blinde. Für Betroffene ist sie bis heute unverzichtbar, erklärt Alain Brever, „Chargé de direction“ bei der Luxemburger Blindenvereinigung „BBF – Berodung, Betreiung a Fräizäit“. Zumal technischer Fortschritt Blinden und Sehbehinderten das Leben gleichzeitig schwerer und leichter machen.

„Geht es um die Barrierefreiheit für Blinde und Sehbehinderte in Luxemburg, gibt es noch viel zu tun. Selbst Internetauftritte von staatlichen Einrichtungen sind nicht für Screenreader nutzbar und damit nicht immer so zugänglich wie es sein sollte. Laut der UN-Behindertenkonvention sollen auch Blinde überall selbständig sein können. Eine jüngste Bilanz bescheinigte dem Aktionsplan der Regierung zur Umsetzung dieser Konvention aber ein durchwachsenes Ergebnis, vieles ist noch nicht umgesetzt, doch der Dialog erfolgt. Das Problem der Barrierefreiheit betrifft vor allem das öffentliche Leben. Wie komplex hier die Zusammenhänge sind, zeigt das Beispiel von Geldautomaten. Darüber, ob jeder Geldautomat für Blinde angepasst werden muss oder ob barrierefreie Geldautomaten nur an bestimmten Orten aufgestellt werden, gehen die Meinungen auseinander. Zumal die Umrüstung Geld kostet und einige Banken für jede Aktion am Schalter auch von Blinden Gebühren verlangen. Wir haben aber inzwischen von verschiedenen Banken die Zusage, dass Betroffene mit Blindenausweis am Schalter unentgeltliche Aktionen durchführen lassen können.

Die Digitalisierung bedeutet für Blinde und Sehbehinderte einerseits eine Hilfe und andererseits ein Hindernis. Während die mehr und mehr verbreiteten Touchscreens an Automaten und Geräten das Leben von Blinden komplizierter machen, geben ihnen Smartphones, VoiceOver und Sprachsteuerung neue Möglichkeiten. Eine Nachricht kann auf dem iPhone per Sprachausgabe vorgelesen werden, auch Navigationssysteme für Blinde geben ein großes Stück Unabhängigkeit. Letztendlich aber stecken einige dieser Techniken noch in den Kinderschuhen, 100 Prozent darf man sich noch nicht auf sie verlassen.

Aber trotz Sprachsteuerung, Smartphone oder Googlebrillen, die jede Schrift vorlesen: Bei bestimmten Technologien muss man mitunter aufpassen, da das völlige Verlassen darauf auch ein Sicherheitsproblem darstellt. Zudem muss man diese Technologien auch richtig benutzen können. Auch aus diesem Grund ist die Braille-Schrift für Personen, die im technischen Bereich nicht so mitkommen und diese Schrift in jungen Jahren gelernt haben, sehr wichtig. Es gibt immer noch sehbehinderte Leute, die komplett Bücher über Braille lesen, auch jene, die viel am PC arbeiten, werden die dafür entwickelte Braillezeile weiter nutzen. Braille bleibt sowohl im Haushalt, als auch in Liften, auf Medikamentenpackungen und generell als Markierung im öffentlichen Raum sehr wichtig. Die Benutzung von Brailleschrift ist keine Generationssache.“