GREVENMACHER
CORDELIA CHATON

Hubert und sein Sohn Antoine Clasen arbeiten für ein Familienunternehmen, das kurz vor seinem 100. Geburtstag steht - Warum verpflichtet sich jemand so der Tradition? Ein Gespräch

Das rosa gestrichene Gebäude mit den Rosen davor, dem kiesbestreuten Weg und den weißen Simsen strahlt Geschichte aus, Seriosität und ein feines Trauben-Aroma. Hier ist der Sitz der „Caves Bernard-Massard“, einem Familienunternehmen, das auf fünf Generationen zurückblicken kann. In zwei Jahren feiert das Haus, das mittlerweile in 20 Länder exportiert, seinen 100. Geburtstag. Diese Geschichte atmen die Räume wieder. Hubert Clasen (68) ist hier geboren, wie er erzählt, während er und sein Sohn Antoine (36) sich Zeit für das Gespräch nehmen. Der Anzug sitzt tadellos, das Einstecktuch sowieso. Hubert Clasen könnte jederzeit in einem Film über den britischen Adel mitspielen. Sein Sohn in Jeans und ohne Halsbinde ist dynamisch, offen und der Typ eines modernen, intelligenten Managers. So einer macht in vielen Unternehmen eine gute Figur.

Lëtzebuerger Journal

Warum sind Sie ins Familienunternehmen eingestiegen?

Hubert Clasen Bei mir kam das nicht sofort. Wir haben beide Studiengänge belegt, die uns nicht für diesen Betrieb direkt vorbereitet haben. Wir sind also keine studierten Oenologen. Ich habe mich erst mit 28 Jahren definitiv entschieden, ins Unternehmen einzusteigen. Das Haus steht mir nahe, schließlich habe ich die Geschichte der letzten 65 Jahre hier miterlebt. Ich bin hier geboren. Wir wohnten im Haus, ich bin schon als Kind überall herumgelaufen und kannte die Leute. Da bleibt halt emotional etwas hängen. Später war ich erst ein Jahr in Deutschland in einer Bank und danach in Südafrika in einem Spirituosen- und Tabakunternehmen. Dann habe ich weiter studiert und entschieden herzukommen. Damals war ich 29 und mein Vater fragte: Was hast Du vor? Ich fand, dass ein Familienunternehmen viel Freiraum bietet. Man sieht gleich, was richtig oder falsch ist. Meine Schwester hatte kein Interesse am Betrieb. So habe ich das übernommen. Bei meiner Rückkehr habe ich das klassische Familienunternehmen aufgrund meiner Berufserfahrungen geschätzt.

Antoine Clasen Bei mir war es ähnlich. Ich war ebenfalls auf Finanzen spezialisiert und habe zunächst in einer Bank gearbeitet, doch dort hat mir der Kontakt mit den Kunden gefehlt. Dann habe ich bei einem Big4 kleine und mittlere Unternehmen beraten. Und eines Tages fragte mich mein Vater nach meiner Zukunft.

Hubert Ja, aber da war kein Druck. Wir haben drüber gesprochen, ob wir jemanden aus der Familie nehmen oder von außen. Ihr konntet frei wählen. Dein Bruder ist Anwalt geworden. Natürlich kanntet ihr den Betrieb aus den Sommerferien, den Wochenenden….

Antoine Bei mir kam das mit dem Wechsel. 2010 haben wir den Importeur in Belgien gewechselt. Der machte Markenmanagement. Bei ihm habe ich zweieinhalb Jahre für uns gearbeitet. Dadurch war ich nicht sofort unter der Leitung meines Vaters. Schließlich wollte ich im Betrieb auch was vorweisen können. 2013 bin ich dann nach Luxemburg ins Unternehmen gekommen. Heute bin ich sehr froh über diese Entscheidung.

Wollten Sie etwas anders machen als Ihr Vater?

Antoine Gute Frage. Ich wollte sicher nicht alles anders machen. Mein Großvater hat sehr auf Sekt gesetzt, wenig auf stillen Wein. Mein Vater hat unsere zwei Weinbaudomänen aufgebaut und eine Importtätigkeit gestartet. Unsere Weine sind in Luxemburg bekannt, aber im Ausland kennt man bestenfalls noch den Sekt, nicht die stillen Weine. Meine Generation ist mit einem anderen Vertrieb konfrontiert. Früher lief das direkt, da hielten die Leute hier im Hof und luden die Kisten ein. Heute geht das online oder über Supermärkte.

Hubert Unser Land ist klein, das bedeutet kleine Mengen. Export ist mit viel Papierkram und Marktsperren verbunden, aber lebenswichtig. Da überlegen wir, was wir tun.

Antoine Luxemburg ist ein Testfeld. In Deutschland haben wir eine Tochtergesellschaft, die jetzt schon ihr 100. Jubiläum gefeiert hat und mit der wir einiges entwickeln. Heute sind wir hauptsächlich in fünf Ländern präsent und erzielen 40 Prozent unseres Umsatzes im Ausland.

Ist der Trend weg vom Alkohol und verstärkte Kontrollen von Fahrern ein Problem?

Antoine Mir ist recht, dass die Leute weniger trinken, dafür aber besser. Damit meine ich einen guten Tropfen. Wir sind zum Glück noch in den traditionellen Weintrinkermärkten. Generell stellen wir fest, dass mehr leichte Weine getrunken werden.

Hubert Wohlgemerkt: Entalkoholisierte Weine sind nicht unser Ziel. Aber so etwas gibt es, beispielsweise auf dem deutschen Markt.

Antoine In Belgien werden sogar eine Million Flaschen alkoholfreien Weins jährlich verkauft.

Trinken Sie selbst regelmäßig Wein?

Antoine Ich nicht so oft. Als Weinproduzent probiert man viel, aber trinkt wenig. Natürlich ziehe ich unsere eigenen Weine vor. Aber wir reisen viel und wollen auch wissen, was die Konkurrenz macht.
Hubert Ich habe es von Anfang an so gehalten, dass ich nur mäßig trinke. Denn ich habe mir von Beginn an vorgenommen, dass ich nicht an Leberzirrhose sterben will. Bis jetzt hat es geklappt! (lacht)

Ist Bio ein Trend, der Sie interessiert?

Antoine Das ist ein Trend. In Luxemburg ist das nicht so einfach. Wir bewirtschaften selbst, mehr als hundert Parzellen. Das ist leichter im Languedoc, wo es warm und trocken ist. Wir setzen auf Maßnahmen wie Ausschließen von chemischen Düngern, von Herbiziden oder Insektiziden – außer gegen Pilze. Das sind die Dinge, an denen wir arbeiten. Wohlgemerkt: Bio von heute ist nicht Bio von morgen. Und wir wollen das nicht nur wegen dem Marketing machen.

Hubert Wir sind schon umweltbewusst. Bernard-Massard verfügt über 37 Hektar Weinberge. Da ist 100 Prozent Bio schwierig. Aber wir arbeiten nachhaltig. Wir sehen die Entwicklung und auch das, was der Verbraucher vielleicht nicht wahrnimmt. Bei Bio wird derzeit viel Schwefel und Kupfer gespritzt. Für uns besteht das Umweltthema aber nicht nur aus Bio.

Sie sind in einem Familienunternehmen. Wie sieht es mit Nachwuchs bei Ihnen aus?

Antoine Noch habe ich keine Kinder. Die Frage stellt sich. Sicher ist: Wenn mir etwas passiert, geht es weiter. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Leute auf Schlüsselpositionen gesetzt, die den Betrieb weiterführen könnten.

Hubert Ich war über 55 Jahre alt, als sich die Nachfolge angeboten hat. Das ist alle 20 bis 35 Jahre ein wichtige Etappe. Entweder wir bleiben ein Familienunternehmen – oder nicht.

Antoine Wichtig ist, dass es mit dem Unternehmen weiter geht. Wenn es in der Familie bleibt, dann ist das toll. Wenn nicht, dann muss man damit leben! Wir stellen das gegenüber den Kunden in den Vordergrund.

Hubert Die Betonung darauf, dass wir ein Familienunternehmen sind, ist in Luxemburg sinnvoll. Einem Supermarktkäufer in Belgien oder den Niederlanden hingegen ist das egal. Ich bin lange Zeit sehr diskret mit dem Thema umgegangen. Als Antoine kam, hatte das einen sehr positiven Effekt auf das Image des Unternehmens, intern und extern. Und es hat auch wirklich gut geklappt in der Praxis. Ich kenne nämlich Fälle, bei denen es Zähneknirschen bei der Übergabe gab.

Wie haben Sie denn die Aufgaben verteilt, damit es gut läuft?

Hubert Die lästigen Aufgaben hat er, die angenehmen ich (lacht)! Im Ernst: Antoine hat die kommerzielle Seite übernommen. Ich mache mehr das Backoffice, das Management im Hintergrund. Jetzt ist Antoine der CEO und ich bin der Berater, der mal als Notbremse fungiert, mal als Warenüberwacher. Vielleicht mische ich mich auch manchmal zu viel ein. Aber er muss vor dem Verwaltungsrat Rede und Antwort stehen. Und ich habe Zeit für meine Hobbies: Golfen, jagen, fischen und reisen.

Antoine Ich habe lange mit meinem Vater zusammen gearbeitet und weiß, wie wichtig es ist, Verantwortung zu haben und sorgsam damit umzugehen. Die Leute kommen jetzt auch mit ihren Anliegen zu mir.

Welche Rolle spielen eigentlich Frauen in einem Unternehmen, das immer an Männer weitergereicht wird?

Hubert Meine Frau war 30 Jahre hier im Betrieb aktiv und hatte eine wichtige Rolle. Sie hat sich früher um den Schmetterlingsgarten gekümmert, den wir ja gegründet hatten, war für Tourismusfragen die Ansprechpartnerin und machte PR, als das noch nicht so hieß. Sie war der gute Geist des Betriebs. Jeder kam mit seinen Problemen zu ihr. Meine Frau hat vieles geregelt. Das war eine sehr wichtige Rolle in einem Unternehmen unserer Größe. Für mich war das eine enorme Unterstützung, sie war eine großartige Kraft.

Antoine Jetzt ist das anders. Mein Vater hat mir ein gutes Team hinterlassen. Meine Freundin arbeitet nicht im Betrieb und ich will das auch nicht forcieren.