LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Ein kluges Buch beleuchtet die Rolle der Autos und ihrer Industrie in der Zukunft

Wenn Prof. Ferdinand Dudenhöffer etwas sagt, dann hört ihm die Industrie zu, weil sie sein Urteil fürchtet, die Medien, weil er knackige Aussagen trifft und die Autofahrer, weil er statt einen Konzern zu vertreten Tatsachen ans Tageslicht bringt. Nun hat der PS-Professor aus Deutschland ein Buch geschrieben. In „Wer kriegt die Kurve? - Zeitenwende für die Automobilindustrie“ geht er auf aktuelle Entwicklungen von Google über Tesla und die Digitalisierung bis zu Carsharing und die VW-Krise ein. Wir haben mit ihm über die Neuerscheinung gesprochen.

Prof. Dudenhöffer, brauchen wir angesichts von neuen Nahverkehrskonzepten und Umweltbelastungen in Zukunft noch ein Auto?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer Wir brauchen das Auto - auch und gerade in Zukunft. Wie sehr der Individualverkehr unsere Mobilität bestimmen wird, das hängt allerdings stark von seiner Qualität ab.

Die großen Engpässe dabei sind Parkraum, Staus, Unfälle, Lärm und Abgase. Tatsächlich existieren für all diese Probleme bereits Lösungen - keine Zukunftsutopien, die erst in fünfzig Jahren umgesetzt werden, sondern konkrete Entwicklungen, die wir Stück für Stück in den nächsten zehn Jahren sehen werden. Das ‘System Auto´ wird sich grundlegend verbessern und zu einem wichtigen Bestandteil eines integrierten Verkehrssystems werden: Das bedeutet, dass das Auto der Zukunft nicht mehr isoliertes Fortbewegungsmittel sein wird, sondern Teil einer in sich vernetzten Mobilitätswelt. Aber es steht vor großen Veränderungen.

Mit welchen Änderungen rechnen Sie?

Prof. Dudenhöffer Dies ist die dritte Welle, nachdem Henry Ford in einer ersten Welle die Fließbandfertigung eingeführt und das Auto damit erschwinglich gemacht und Japaner Ende der 80er Jahre mit schlanken Produktionsansätzen die Wertschöpfungskette massiv verändert haben. Der Auslöser für diese dritte Welle sind naturwissenschaftliche und technische Erkenntnisse. Autos können dank Batterien jetzt ohne Abgase fahren. Die Automatisierung sorgt dafür, dass Fahrer überflüssig werden. Dazu kommt noch ein Phänomen, dass ich als Schwarmintelligenz bezeichnen würde: Autos werden viel stärker gemeinschaftlich genutzt. Ich rechne damit, dass diese dritte Welle die Automobilindustrie viel stärker erschüttern wird als alle anderen zuvor. Mit dieser Meinung stehe ich nicht allein da. Mary Barra, die Chefin von General Motors, einem der größten Hersteller der Welt, hat beim 16. CAR-Symposium meiner Universität gesagt, dass sich die Automobilindustrie in den nächsten fünf Jahren stärker verändern wird als in den 50 Jahren davor.

Es gibt viele neue Hersteller, aber auch traditionelle. Wer wird bleiben, wer gehört zu den Verlieren?

Prof. Dudenhöffer Die Industrie steht vor sehr großen Herausforderungen. Der Fall VW zeigt, dass viele Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Gleichzeitig ist es Heimat solcher Marken wie Daimler-Benz, BMW, Porsche, Audi und eben VW. Herausforderer wie Alibaba, Apple, Google, Tesla, Baidu und Uber überrollen sie im sprichwörtlichen Sinn der Aussage. Da versucht Apple eine Annäherung an Mercedes und kauft sich schließlich beim chinesischen Fahrdienstanbieter Didi Chuxing ein. Derweil verhöhnt Tesla-Chef Musk Apple als Tesla-Friedhof.

Doch von ihnen ist eher etwas zu erwarten als von Google und seiner bunten Plastikknutschkugel, denn die Zusammenarbeit mit Fiat hat bislang nichts erbracht. Google schein mehr an Datensammlungen als an Autos interessiert. Dazu gibt es eine Menge Start-ups wie den Milliardär Jia Yueting von LeEco. Die Hersteller brauchen neue Werke, andere Vertriebsstrukturen. Besonders anfällig scheinen mit die japanischen Hersteller. Deutsche, Briten und Schweden sind ebenso wie General Motors gut aufgestellt.

Zur Person

Prof. Ferdinand Dudenhöffer und sein neues Buch

Die Autobranche betritt eine völlig neue Welt: die von Apple, Google und anderen IT-Unternehmen. Das Auto fährt in Zukunft elektrisch, es wird intelligent und nutzt die Datenströme des Internets. Doch sind die heute großen Autobauer gerüstet, um ihre führende Rolle zu behaupten? Oder wird ihnen ihr Größenwahn - siehe VW - zum Verhängnis? Wie sehen die zukunftsweisenden Geschäftsmodelle aus?

Deutschlands anerkanntester Automobilexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer hat ein leicht lesbares, sehr interessantes Buch vorgelegt. Er ist Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Dudenhöffer gilt als „Autopapst“ und „PS-Professor“ und ist der bekannteste und meistzitierte Autoexperte Deutschlands.

Das Buch befasst sich mit der Zukunft der Mobilität und der Rolle Deutschlands als Autonation ebenso wie mit verschiedenen Verkehrskonzepten oder neuen Technologien. Erhältlich ist das bei Campus erschienene Buch seit heute.