NORA SCHLEICH

Durch die aktuelle Diskussion um die verstörenden Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silversternacht fühlte ich mich dazu verpflichtet, einen analytischen Blick auf besagten Umstand zu werfen. Zum Verständnis wollte ich beitragen, durch Gedanken zu dem einen oder anderen Aspekt des Geschehnisses. Momentan sind alle medialen Kanäle voll von Stellungnahmen, Analysen und auch propagandistischem Wirrwarr. Es scheint notwendig, sich einen aufklärenden Weg durch diesen Informationsdschungel zu suchen. Nun, ich bin ehrlich gesagt daran gescheitert eine gründliche Analyse zu einem Aspekt des Themas zu erstellen. Allerdings aus gutem Grund – weil ich nicht wollte. Es ist meines Erachtens nicht möglich, ein neutrales und objektives Fazit bezüglich dieses Themas einzunehmen, ganz einfach, weil wir keinen Zugang zu allumfassenden oder überhaupt rein faktischen Berichterstattungen haben. Was ist genau passiert? Worauf sollten sich unsere Reaktionen und Analysen stützen? Mit Verlaub, der Beantwortung dieser Fragen wird sobald nicht nachgegangen werden können. Es herrscht eine Finsternis um den Wahrheitsgehalt der zugänglichen Informationen, die es nicht erlaubt, das, was uns überliefert wird, als Grundlage für fortführende Untersuchungen und daran anknüpfende Problemlösungen zu nutzen. Manchmal muss man sich auf heuristische Annahmen stützen, um der Einsicht näher zu kommen. Sind allerdings so viele Ungereimtheiten und unzweckmäßige Schuldzuweisungen im Spiel, wie es hier der Fall zu sein scheint, übersteigt es uns eigentlich von vorne herein, einer triftigen Spur nachzugehen, um das Warum dieser Ereignisse zähmen zu können.

Wie soll mit dem Thema umgegangen werden? René Descartes hat seiner Zeit eine Methode entwickelt, die dazu führen sollte, jedes komplexe Thema in verständliche Teile zu spalten und somit das Verständnis um dessen Grundlagen garantieren zu können. So kann ein großes Wirrnis auf Fakten reduziert werden, die Gedanken geordnet und Untersuchungen fortgeführt werden. Zerteilen wir allerdings das Thema um die rezenten frauenfeindlichen Übergriffe in sogenannte Einzelteile, tappen wir scheinbar in eine eigens verschuldete Falle. Es folgt eine materialistische Beschreibung dessen, was wir als Grund für besagtes Geschehen halten. Ausländer, Asylbewerber, nachlässiges Polizistenwalten, ... die Liste ist lang. So konzentriert sich die Analyse oftmals kurzsichtig auf einen dieser Aspekte, um Fragen beantworten und Sündenböcke ausweisen zu können. Beliebig sei es nun, ob es die Flüchtlingsproblematik ist, die rechte Hetze oder die polizeiliche Handhabe. Wir versuchen, uns nach nahezu wissenschaftlicher Methode Klarheit zu schaffen. Doch ist es wohl nicht messbar, quantifizierbar wem welche Schuld nun wahrhaft zugesprochen werden muss. Natürlich birgt es eine Art Sicherheit, wenn wir uns an Analysen und Stellungnahmen klammern können. Jedoch trügt der Schein in meinen Augen hier gewaltig, denn den richtigen Ansatz auszumachen, um dem großen Ganzen des Zusammenspiels der auslösenden Gründe hier auf die Schliche zu kommen, wird durch eben diesen analytischen Vorgang unmöglich.

Wir sorgen uns so vehement darum, einen Sündenbock brandmarken zu können, dass wir unvollständigen Quellen und Berichterstattungen Vertrauen schenken, wobei es doch vielleicht besser wäre, den allgemeinen Blick auf das Geschehen nicht vorschnell einer konkreten Analyse wegen zu senken. Vielleicht entgeht uns etwas sehr Wichtiges? Vielleicht schaffen wir durch unser vorschnelles Bestreben, jemandem die Schuld geben zu wollen, neue Probleme mit äußerst fragwürdigen sozialen und gesellschaftspolitischen Auswirkungen. Natürlich helfen klare Linien und Beweise, jedoch muss man sich davor in Acht nehmen, die objektive Handhabe einer Problematik auf Annahmen zu basieren, die noch nicht verifizierbar sind, oder gar propagandistisch. Auf solchem Boden entsteht kein reelles Verständnis und die Frustration bezüglich der unzufriedenstellenden Erklärung dessen, was passiert ist, steigt exponentiell. Weder nach rein wissenschaftlicher Methode, noch nach ethischen Grundsätzen kommen wir momentan auf einen grünen Zweig. Dass wir der Handhabe dieses Themas unfähig zu sein scheinen, macht sich darüber hinaus auch an gut gemeinten, jedoch recht abstrusen Ratschlägen bemerkbar. Die berühmte Armlänge Abstand ist ein treffliches Beispiel dafür. Solange wir uns dessen bewusst sind, dass wir nur Teilaspekte diskutieren, uns die Einsicht in das Wesen der Situation aber entgeht, sollten wir uns davor hüten, vorschnelle Urteile und Meinungen zu fällen.