MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Luftfahrtkrise mit harten Konsequenzen: Flugzeugbauer will 15.000 Arbeitsplätze abbauen

Der weltgrößte Flugzeughersteller, Airbus, hat angekündigt, 15.000 der 135.000 Arbeitsplätze weltweit abzubauen. Der Grund. Die Produktion ist um 40 Prozent abgesunken. Produzierte Flugzeuge stehen fertig zur Auslieferung auf den Parkplätzen vor den Produktionshallen, werden von den Fluggesellschaften aber nicht mehr abgenommen. Der Flugzeugbauer ist ein Kollateralschaden des Coronavirus. Airbus zählt im Bereich des kommerziellen Flugzeugbaus 90.000 Mitarbeiter. Sie sind im Wesentlichen verteilt auf Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien, die USA, China. Die meisten Arbeitsplätze sollen mit 5.100 in Deutschland abgebaut werden, vor Frankreich mit 5.000, Großbritannien 1.700, Spanien 900. Airbus liegt mit dieser Aktion auf der Höhe von Boeing. Während in Toulouse noch von einem Projekt die Rede ist, werden in Seattle bereits 16.000 Mitarbeiter entlassen. Die 15.000 abzubauenden Arbeitsplätze sind die größte Aktion seit 2007 bei Airbus, als das Unternehmen 10.000 Plätze strich.

Keine neuen Bestellungen in zwei Monaten

Eine Alternative zur Reduzierung der Mitarbeiterzahl sieht Guillaume Faury, Vorstandsvorsitzender des Herstellers, nicht. Das Unternehmen hat in den vergangenen zwei Monaten keine neuen Bestellungen erhalten. Es hat im März noch 180 Flugzeuge ausgeliefert, danach nicht einmal mehr ein Dutzend. Die Produktion wurde um 40 Prozent zurückgefahren. Das ist zu gering, um das Personal in voller Stärke zu erhalten.
Er wolle direkte Entlassungen nach Möglichkeit vermeiden, erklärte Faury am Dienstagabend in einer Telefonpressekonferenz. Personal soll rotieren und mit Kurzarbeit aufgefangen werden. Die Aussichten sind düster. „Vor 2023 möglicherweise sogar erst 2025 wird der Luftverkehr sein Niveau von 2019 nicht zurückerhalten“, prophezeite der Airbus-Chef. Dabei würden Flugzeuge für die Mittelstrecke, wie etwa der Airbus 320 noch am ehesten von einem langsamen Wiedererstarken der Konjunktur profitieren.
Airbus hatte bereits im April seine Produktion um ein Drittel gekürzt. Statt 60 wurden nur 40 A 320 produziert. Statt zehn wurden von dem Langstreckenflieger A350 nur noch sechs pro Monat hergestellt. Trotz der Reduzierung der Produktion wurde die Personalstärke bisher nicht angetastet. In einem Brief an die Mitarbeiter hatte Faury die Belegschaft allerdings auf Kommendes vorbereitet. Airbus kann in Frankreich, aber auch in Deutschland auf Kurzarbeitsmöglichkeiten zurückgreifen. In Frankreich ist diese Möglichkeit gerade in eine so genannte Langzeit Kurzarbeit umgewandelt worden. Sie soll den Unternehmen helfen, eine längere Durststrecke zu überwinden, ohne sich von qualifiziertem Personal trennen zu müssen. Dennoch will der Airbus-Chef Entlassungen nicht ausschließen. Die wichtigsten Gewerkschaften bei Airbus lehnten noch am Dienstagabend Entlassungen ab. Sie seien inakzeptabel, ließ Frankreichs größte Gewerkschaft CFDT verlauten. Schließlich habe Airbus einen Einstieg des Staates in das Kapital abgelehnt und nutze bereits massiv die Staatsfinanzierung der Kurzarbeit. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire lehnte schon am Mittwoch früh die Pläne des Unternehmens als „exzessiv“ ab. Man erwarte von Airbus, dass das Unternehmen alle Möglichkeiten ausschöpfe, die die Regierung zur Vermeidung von Arbeitsplatzverlusten eingeführt habe, hieß es aus dem Ministerium.

Verlust von einer halben Milliarde Euro im ersten Quartal

Tatsächlich waren am Mittwoch bereits Zahlen im Gespräch, die deutlich unter den geplanten 5.000 lagen. Deutschland scheint mit 5.100 gefährdeten Arbeitsplätzen den größten Schaden zu erleiden.
Im ersten Quartal meldete Airbus einen Verlust von fast einer halben Milliarde Euro. Der Konzern will dennoch ohne Staatshilfe auskommen, rechnet damit, dass es gegen Jahresende ein wenig besser wird. Man verfüge über ausreichend Liquidität, heißt es im Unternehmen. Die deutliche Kürzung der Produktion bringt nun auch Zuliefer-Unternehmen in Schwierigkeiten. Das Problem für ein Unternehmen wie Airbus ist allerdings: Fällt auch nur ein Zulieferer aus, fehlen Teile. Ein Flugzeug kann nicht mehr gebaut werden. Ersatz ist kaum möglich, weil die Zulieferer spezialisiert und zertifiziert sind. Airbus hat allerdings auch ein strukturelles Problem. Das Unternehmen ist zwar der größte Luftwaffenhersteller und Produzent für die Raumfahrt. Aber die Verteidigungssparte stellt nur noch 15 Prozent des Umsatzes dar. Auch das Raumfahrt-Programm ist nicht stark genug, um einen Einbruch bei den Zivilflugzeugen aufzufangen. Mit einem Umsatz von 10,9 Milliarden Euro stellt die Sparte „Verteidigung und Raumfahrt“ gerade 20 Prozent der gesamten Airbus-Aktivitäten.
Das Scheitern der Übernahme von BAE Systems, und die unendlichen Schwierigkeiten in der Geschichte rund um den Militärtransporter A400 M und dessen geringe Exportchancen, aber auch der Einbruch bei der Herstellung von Telekom-Satelliten machen Airbus in diesem Bereich verwundbar. Zu klein und zu wenig profitabel. Die Konzernführung hatte schon vor der Viruskrise beschlossen, hier 2.362 Posten abzuschaffen. Mit der Viruskrise erhöht sich die Zahl um 300 weitere Arbeitsplätze. Frankreich stützt das Unternehmen durch Bestellungen. Acht Hubschrauber und drei Tankflugzeuge sollen das Orderbuch füllen. Deutschland hat zwar Radarausrüstungen für den Eurofighter im Wert von 1,8 Milliarden Euro beschlossen, aber der Auftrag geht im Wesentlichen an die Konkurrenz. Airbus hegt weiter Hoffnungen auf Bestellungen aus Deutschland. Aus Berlin sollen 38 Eurofighter der neuen Generation bestellt werden, wenn der deutsche Bundestag grünes Licht gibt. Im Verteidigungsbereich setzt Airbus weiter auf grünes Licht für die Eurodrone, um die Produktionslinien bis 2028 auszulasten. Allerdings sind sich Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien bei diesem sieben Milliarden Euro Projekt noch nicht einig, sodass sich auch hier eine Hängepartie ergibt. Airbus wird in den kommenden drei Jahren eine schwierige Zeit vor sich haben.