NIC. DICKEN

Lakshmi Mittal ist also doch nicht der unternehmerische Übermensch, für den viele ihn gahelten haben - er selbst wohl auch. Sein vorwiegend auf Pump aufgebautes Minen- und Stahlimperium kommt immer mehr ins Wanken und weder der Verkauf von vormals vielversprechenden Bergwerken noch die fortgesetzte Schließung von Stahlwerken in unterschiedlichen Weltregionen, darunter auch Standorte in Luxemburg, vermochten bislang die Schuldenfalle ausreichend zu öffnen, in die der Konzernchef trotz, oder gerade wegen seiner amerikanischen Bankiersfreunde getappt ist. Die Übernahme von Arcelor im Jahre 2006 erfolgte praktisch ausschließlich aufgrund von Krediten, die ihm von Goldman Sachs bereitwillig und schier unbegrenzt zur Verfügung gestellt wurden.

Zu verlockend schien das Konzept, aus der einstigen Randfigur im globalen Stahlmarkt den unbestritten führenden Stahlkonzern zu schmieden. Etwaige Warnungen wurden damals als Ausdruck von Verängstigung und Neid abgetan, die schiere Größe des neuen Unternehmens allein würde ausreichen, um sich als Weltmarktführer uneingeschränkt durchsetzen zu können. Von auch damals schon bekannten Rückschlägen wie etwa mit der Irish Steel oder Kohleminen in den Bergen von Virginia, wollte niemand etwas wissen, am allerwenigsten die europäischen Wettbewerbshüter, die hier ein Modell vermuteten, mit dem die EU die übrige Welt das Fürchten lehren könnte.

Heute sitzt Lakshmi Mittal, der entgegen aller gängigen unternehmerischen Logik und offenbar mit dem stillen Einverständnis von Aufsichtsbehörden in einer Person die beiden Positionen eines CEO und eines Verwaltungsratspräsidenten bei ArcelorMittal besetzt, u.a. auch im Aufsichtsrat von Goldman Sachs und kann somit wenigstens teilweise über die Lösung der finanziellen Probleme seines Unternehmens mitberaten.

Wohlgemerkt des Unternehmens, denn privat geht es ihm finanziell weiter gut, weil er beispielsweise seinen Immobilienbesitz im Londoner Stadtteil Kensington 2012 trotz Krise noch einmal um eine halbe Milliarde Euro erweiterte. Wo Geld ist, herrscht keine Not.

Den Schaden tragen heute vor allem jene Länder, auch in Europa, die sich 2006 mit feinsten Versprechungen ihre Zustimmung und Unterstützung für das Fusionsprojekt hatten abluchsen lassen. ArcelorMittal ist nicht jenes marktbeherrschende Instrument geworden, als das es einst konzipiert worden war. Zu unterschiedlich war die Beschaffenheit der beiden fusionierten Unternehmenskulturen, jahrzehntelang erworbenes technisches Know-How aus etablierten europäischen Stahlunternehmen wurde regelrecht bradiert und dürfte schon bald, im Rahmen weiterer „Entschuldungsmaßnahmen“, von anderen Stahlherstellern in konkurrierenden Weltregionen als Waffe gegen die europäische Stahlindustrie genutzt werden. Die von den Brüsseler Wettbewerbshütern verordnete Weltoffenheit ist zum Bumerang gegen die eigenen Interessen geworden.

Mit seinem Vergleich von „Parfum“ und „Eau de Cologne“ in Bezug auf Arcelor und Mittal Steel hatte Guy Dollé 2006 doch wahrscheinlich gar nicht so unrecht.