LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Ist es hilfreich, auf Zeit zu spielen?

Es gibt Situationen im Leben, da befinden wir uns in einem Konflikt mit einem geliebten Menschen, und obwohl wir alle unsere Kräfte darauf verwenden, ihn aus dem Weg zu räumen, will uns das einfach nicht gelingen. Und das ist für uns, wo wir doch gewohnt sind, Probleme mit nur einem Mausklick zu lös(ch)en, eine sehr unangenehme Lage, aus der wir uns so schnell wie möglich befreien wollen.

Der Wille allein reicht jedoch nicht immer aus, sogar dann nicht, wenn er in Taten umgesetzt wird. Manchmal bleibt, nachdem wir den größten Einsatz gebracht haben, nur eine letzte mögliche Taktik übrig: Abwarten.

Keine passive Haltung

Es ist womöglich die Taktik, die am meisten an die Substanz geht. Denn schon die Einsicht, dass nichts anderes mehr Früchte trägt, verlangt uns einiges ab, kommt einer Niederlage gleich. Wer abwartet, muss sich eingestehen, dass er mit seinen eigenen Kräften das Problem nicht lösen kann, und dass er den weiteren Verlauf, kurzzeitig, aus der Hand geben muss.

Das bedeutet nun allerdings nicht, sich vollends und endgültig aus der Verantwortung zu ziehen und zu resignieren. Wer abwartet, entscheidet sich dazu, sich als aufmerksamer und konzentrierter Beobachter auf die Lauer zu legen und dann wieder einzugreifen, wenn der richtige Augenblick dafür gekommen ist.

Viele Redewendungen und Sprichwörter empfehlen, auf die Wunderwirkung der Zeit zu vertrauen: „Kommt Zeit, kommt Rat.“ „Gutes braucht seine Zeit.“ „Abwarten und Tee trinken.“ „Was lange währt, wird endlich gut.“ „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Hochgradig optimistisch versprechen sie, dass die Dinge sich, wenn wir sie ruhen lassen, zum Guten wenden. Doch was genau kann sich, ohne unser Zutun, verändern? Ich denke da an drei Faktoren.

Was die Zeit bringt

Erstens: Vergrößert sich die Zeitspanne zwischen dem Auslöser des Konfliktes und der Gegenwart, können zu starke negative Gefühle abklingen, die eine rationale, nüchterne und fruchtbare Diskussion verhindern. Allerdings lehrt uns schon Freud, dass unterdrückte Emotionen mit noch größerer Intensität wieder an die Oberfläche dringen können. Nicht immer lässt sich von Gefühlen soweit Abstand nehmen, wie wir uns das selbst vornehmen und wünschen würden. Aber einen Versuch ist es wert. Manchmal gelingt es ja doch, Dinge, allein dadurch, dass sie eine Weile zurückliegen, mit einem vollkommen neuen Blick und einer gewissen Distanz zu betrachten.

Zweitens verändern können sich die äußeren Umstände. Manchmal steht die Gesamtsituation unter keinem guten Stern. Zu viele Probleme treffen gleichzeitig aufeinander und die Beschäftigung mit der einen behindert das Beseitigen der anderen Sache. Es ist ratsam, die Probleme nicht gleichzeitig, sondern nacheinander anzugehen und mit dem Lösen des größten Konflikts zu warten, bis sich die allgemeine Lage beruhigt hat.

Drittens: Die Einstellung und Kompromissbereitschaft aller anderen, die an dem Konflikt beteiligt sind. Nicht zuletzt liegt es auch an ihnen, ob die Auseinandersetzung ein Ende findet, weil das nur gemeinsam erreicht und im Einverständnis passieren kann. Manchmal sind wir selbst bereit, den Dialog zu suchen und zu verzeihen, unser Gegenüber aber nicht, und in dem Fall müssen wir ihm die Zeit lassen, die er dafür braucht. 

Aufgeschoben statt aufgehoben?

Das gespannte Warten darauf, dass sich alle Faktoren fügen, fühlt sich ein wenig an, als würden wir uns an den Slot-Spielautomaten im Casino versuchen. Allerdings gibt es hier keinen Jackpot. Denn wenn die drei Faktoren günstig stehen, ist das an sich noch keine Lösung, sondern allenfalls ein neuer und steiniger Weg dorthin.

Immerhin bedeutet es, sich mit vergangenen Konflikten erneut zu konfrontieren. Groß ist die Versuchung, sie nur halbherzig auszubuddeln und sofort wieder unter den Teppich zu kehren. Wie schön und wie leicht wäre es doch, wenn wir einfach so tun könnten, als wäre nie etwas vorgefallen! „Schwamm drüber!“ funktioniert aber in den seltensten Fällen und stellt nicht vollends zufrieden. So wirklich ausgelöffelt wird das Konfliktsüppchen auf diese Weise nicht. Es köchelt auf ein kleinster Flamme weiter vor sich hin. Auch wenn wir uns vornehmen, uns dem Kochtopf nicht mehr anzunähern, dringt doch hin und wieder der Duft des Inhalts in unsere Nase und wir werden daran erinnert: Da war ja noch was!

Zu lange sollte nicht abgewartet werden. Gerade weil die abwartende keine passive Haltung darstellt, ist sie sehr belastend. Zudem kann das Süppchen endgültig verderben und auch die letzte Chance vertan sein. Ich glaube nicht daran, dass es niemals zu spät ist.

So oder so fühlen wir uns am Ende des Abwartens ein wenig wie der arme Faust: „Da steh’ ich nun, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor.“ Das Abwarten mag die Bedingungen für eine Lösung geschaffen oder erleichtert haben. Aber um den aktiven Einsatz kommen wir nicht herum. Abwarten ist nur eine Zwischenetappe, keine alternative und absolute Lösungsmethode. Wer sich gar nicht aktiv bemüht, sondern von vornherein freiwillig abwartet, glaubt darum an eine Chimäre. Vielleicht kommt mit der Zeit ein Rat, aber wohl kaum ein Wunder.