LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Jürgen Habermas feiert 90 Jahre

Im Laufe der Jahrhunderte gab es etliche große Denker. Im alten Griechenland gaben sich die Philosophen quasi täglich die Hand, im 18.–19. Jahrhundert konnte sich Deutschland vor philosophischen Zeitgenossen kaum retten, und auch in anderen Ländern oder Gegenden gab es immer wieder Zeiten, in denen große Denker die Welt mit ihren Theorien bereicherten.

Um ehrlich zu sein habe ich mir bereits oft die Frage gestellt, ob es in der heutigen Zeit überhaupt noch Raum gibt für solche philosophischen Leitfiguren. Wird heute noch an neuen, systemischen Weltbildern gearbeitet? Oder etwa unser Verhältnis zu Wissen und Moral innovativ in Frage gestellt? Vielleicht war damals alles etwas überschaubarer, sodass die Geisteswissenschaften bezüglich der Einheit von Naturphänomenen oder moralischer Normativität darauf abzielen konnten, ihre Systeme nicht nur umfassend zu gestalten, sondern auch zum Abschluss zu bringen.

Oder mangelt es heutzutage an Disziplin und Motivation, die es doch braucht, um sich im Abstrakten zurecht zu finden und aus diesem Theorien entstehen zu lassen, die das Konkrete gleichermaßen betreffen sollen, wie die durchzuführende Methode des Abstrahierens selbst. Nun gut, es gibt sicher noch einige wichtige Denker unter uns. Jürgen Habermas, der letzten Monat seinen 90. Geburtstag feierte (Herzlichen Glückwunsch, sollten Sie dies hier wider Erwarten lesen, sehr geehrter Herr Habermas), gehört sicherlich zu ihnen. Seine Arbeit an einer kritischen Theorie der Gesellschaft kann als sein Lebenswerk angesehen werden.

Eines der bedeutendsten Werke Habermas‘ dürfte sicherlich seine Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ sein, die 1962 erschien. Sie knüpft an Habermas‘ Einsatz für eine kritische Reform in der Gesellschaft an. In der „Theorie des kommunikativen Handelns“, die 19 Jahre später publiziert wurde, weiß Habermas aufzuzeigen, dass die moderne Gesellschaft nicht mehr an ein Idealbild der Moral und deren Normen denken lässt, die ein handlungsfähiges und gerechtes Miteinander ermöglichen würden, wie etwa Kant dies seiner Zeit eruierte. An die Stelle der praktischen Vernunft des Menschen, deren Anliegen die Realisierung der Moral in der wirklichen Welt ist, wodurch sich eine harmonische Wechselwirkung zwischen sich respektierenden Weltbürgern ergäbe, tritt die kommunikative Vernunft. Als normative Grundlage der gesellschaftlichen Prozesse zeigt sich nun die Kommunikation. Das sprachliche Medium ermöglicht es, eine Verbindung zwischen den Individuen herzustellen, die auf einem gesellschaftlichen Konsens beruht und menschliche Handlungen hervorbringen kann, die den moralischen Normen entsprechend sind. Durch die Verständigung wird eine normative Interaktion in der Gesellschaft geschaffen. In der kommunikativen Interaktivität sind nämlich alle Normen enthalten, die ein gerechtes Miteinander geltend machen: Wahrheit, Verständlichkeit, Richtigkeit und Aufrichtigkeit. Wird diese Form der intersubjektiven Kommunikation mit strategischem Handeln in Verbindung gebracht, kann dem Einzelnen als Individuum in seiner Freiheit Rechnung getragen werden, sowie auch seiner Verankerung in einem gerechten gesellschaftlichen System. Ersteres, weil er aufrichtig das zu Sprache bringen kann, was ihm selbst ein Anliegen ist. Er kann Verantwortung für sein Dasein übernehmen und sich in der Öffentlichkeit durch die sprachliche Äußerung einwirkend erweisen. Das, was den propositionalen Gehalt seiner Aussage ausmacht, bezieht sich auf sein Gegenüber. Möglich wird dies nur, wenn alle beteiligten Parteien ohne Vorbehalte verbindlich die kommunikative Theorie annehmen. Natürlich kann der Konterpart zum Aussagenden auch protestieren, er muss keine Verbindung zu dem eingehen, das ihm kommuniziert wurde, sei dies ein Vertrag oder das Erfüllen einer Bitte. Tut er dies allerdings nicht und folgt dem Geäußerten, hat er dem aus der Idee des Sprechers Erfolgenden Wirklichkeit verliehen. Wichtig ist hier um ein Weiteres, dass dafür allerdings die Bedingungen einer erfolgreichen Verständigung implizit erfüllt sein müssen: Autonomie, Zurechnungsfähigkeit und Aufrichtigkeit. Habermas hat hiermit eine Theorie aufgestellt, in dem das was sein soll (ein gerechtes, alle Menschen in ihrer Freiheit respektierendes und sie in ein großes Ganzes gleichermaßen implizierendes Modell gesellschaftlicher Interaktion) mit dem was wirklich ist (sich untereinander verständigende Akteure, die Bedürfnisse und Freiheiten miteinander zu vereinbaren suchen und damit oft an ihre Grenzen stoßen) zu verbinden.

Die Schönheit der Habermas‘chen Theorie liegt nicht nur, aber in meinen Augen vorwiegend darin, dass er im Verständigungsprozess eine Entwicklungsmöglichkeit der menschlichen Vernunft sieht, „in einer artikulierenden Dialektik von System und Lebenswelt“: „Die Theorie des kommunikativen Handelns ist […] ein Anfang einer Gesellschaftstheorie, die sich bemüht, ihre kritischen Maßstäbe auszuweisen […]. Die Formierung von Grundbegriffen und die Beantwortung substanzieller Fragen bilden, gut hegelisch, einen unauflöslichen Zusammenhang“. Und um Zusammenhang, mit Verlaub, müsste sich in der Gesellschaft wieder redlich bemüht werden.