PARIS
SABINE GLAUBITZ (DPA)

Schauen ehren Wassily Kandinsky zum 150. Geburtstag

Eines seiner letzten Werke, dem Wassily Kandinsky noch einen deutschen Titel gab, malte er im August 1933. Es heißt „Entwicklung in Braun“. Das geometrische Formenvokabular spiegelt noch die Ästhetik der Bauhaus-Schule in Weimar wider, wo der in Moskau geborene Künstler ab 1922 unterrichtet hatte. Doch die verspielte Linienführung lässt den Bruch mit der konstruktivistischen Bildsprache der 20er Jahre erahnen. Das Gemälde hängt im Kunstmuseum in Grenoble, das sich in einer umfassenden Ausstellung für die letzten Schaffensjahre von Kandinsky in Paris interessiert.

Umfassende Ausstellung in Grenoble

„Kandinsky. Les années Parisiennes (1933-1944)“ heißt die Werkschau, die den Fokus auf eine Periode legt, die bislang nur wenig beleuchtet wurde. „In Paris hat Kandinsky einen Stil entwickelt, der im Kontrast zu allem stand, seiner Zeit und seiner zuvor entwickelten Bildsprache“, sagte der Direktor des Museums, Guy Tosatto. In diesen Jahren habe er wieder von vorne begonnen. „Start“ heißt auch sein erstes, in Paris gemaltes Bild. Auf den über 70 Arbeiten tummeln sich bunte, biomorphe Formen. Sie erinnern an kleine, lustige Meeresfische und an die birnenförmigen Figuren der „Barbapapas“, einer Ende der 1960er Jahre entstandenen Reihe von Kinderbüchern und Zeichentrickfilmen. Die Bilder wirken im Kontext von Kandinskys Exil und des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs erstaunlich unbeschwert und leicht.

Absage an die geometrische Abstraktion

Seine Werke seien eine Botschaft der Hoffnung und des Lebens, sie seien die Botschaft eines Humanisten, dessen Abstraktion im Leben verankert sei, erklärt Museumsdirektor Tosatto. Gleichzeitig war seine biomorphe und kosmische Malerei eine Absage an die geometrische Abstraktion. „Diese Kunst ist für ihn zu einer toten Kunst geworden. Seine Abstraktion war die der Emotionen“, sagt Tosatto.

ZUR PERSON

Wassily Kandinsky (1866-1944)

Wassily Kandinsky, geboren am 4. Dezember 1866 in Moskau, gilt als einer der Väter der abstrakten Malerei und einer der großen Pioniere der Kunst des 20. Jahrhunderts. Wirkten lange Jahre Impressionismus und russische Ikonenmalerei auf sein Schaffen, so begann er ab 1910 mit der Ablösung vom Gegenständlichen. Sein „Erstes abstraktes Aquarell“ (1910) gilt als Entstehungspunkt der gegenstandslosen Kunst. Nachdem er ein Werk von Claude Monet betrachtet hatte, legte Kandinsky den Schwerpunkt auf die Wirkung von Farben und Formen, der konkrete Gegenstand wurde überflüssig.

Kandinsky war 67, als er mit seiner Frau Nina Deutschland verließ, um sich in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine in einem kleinen Appartement niederzulassen. Der Bruch mit seinem vorherigen Leben war radikal. „Er hat sein Bauhaus-Leben und seinen Ruhm hinter sich gelassen“, sagt Sophie Bernard, die Ko-Kuratorin. Auch von Deutschland hat er sich allmählich verabschiedet. Seinen Werken habe er französische Titel gegeben und seinen Vornamen mit einem V statt mit einem W geschrieben. Am 13. Dezember 1944 starb Kandinsky in Neuilly-sur-Seine.

Mit ihm als Mitbegründer des 1911 entstandenen Almanachs und Künstlervereins „Der Blaue Reiter“ in München und Murnau beschäftigt sich die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Unter dem Titel „Kandinsky, Marc & Der blaue Reiter“ vereint die Stiftung rund 90 Werke von Franz Marc, August Macke und Kandinsky, darunter auch sein expressionistisches Meisterwerk „Der blaue Berg“.

Kandinsky ging es zu dieser Zeit um die Befreiung der Farbe und der Linie. Bilder wie „Das Jüngste Gericht/Komposition V“ und „Impression III“ spiegeln seinen Weg in die Abstraktion wider, den er in der französischen Hauptstadt fortgesetzt hat. In Paris habe er letztendlich die große Synthese vollzogen, denn er habe die Stilelemente aus seiner Zeit im Bauhaus und in München integriert, erklärt Tosatto.

Infos zu den Ausstellungen:
www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/kandinsky-marc-amp-der-blaue-reiter/einleitung
www.museedegrenoble.fr/1796-kandinsky.htm