LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

„Kis uykusu“ gewann in Cannes die Goldene Palme

In Cannes wurde in den letzten Jahren der populäre Film komplett ignoriert, was dazu führte, dass kaum ein Preisträger in den letzten zehn Jahren viel Geld einspielte. Irgendwo hat sich eine „intellektuelle“ Ader ihren Weg unter die Stühle der Juroren gebohrt: Dieses Jahr wählte die Jury um Präsidentin Jane Campion, die selbst 1993 die begehrte Goldene Palme mit „The Piano“ gewann, den türkischen Film „Kis uykusu“ (Winter Sleep) von Nuri Bilge Ceylan zu ihrem Lieblingsfilm.

Dialoglastig

Um es vorweg zu nehmen, der Film dauert 196 Minuten, wird in der türkische Originalfassung im „Utopia“ gezeigt, und wenn Sie kein Türkisch verstehen, werden Sie wohl oder übel die Untertitel lesen müssen und das rund 175 Minuten lang!

Der Rest besteht aus Vor- und Nachspann und ein paar kurzen visuellen Momenten. Man könnte also annehmen, dass Ceylans Film gefilmtes Theater ist oder ein verfilmtes Hörspiel, bei dem Woody Allen möglicherweise Pate stand.

Aydin (Haluk Bilginer) betreibt zusammen mit seiner jüngeren Frau Nihal (Melisa Sözen) und seiner Schwester Necla (Demet Akbag)ein Hotel, das architektonisch in die Felslandschaft Anatoliens passt. Mit seinem Angestellten Hidayet (Ayberk Pekcan) ist er unterwegs, als ein Junge, Ilyas (Emirhan Doruktutan), einen Stein auf ihr Auto wirft, wobei ein Seitenfenster bricht.

Hidayet stellt den Vater des Jungen, Ismail (Nejat Isler), zur Rede. Ohne dass von einer Schadensbegleichung geredet wird, wird Ismail gegen Hidayet handgreiflich. Ohne das Eingreifen von Ismails Bruder Hamdi (Serhat Kilic) wäre die Situation eskaliert.Nach diesem einigermaßen visuellen Moment wird nur noch diskutiert: Mit Necla über das Böse oder mit Nihal darüber, ob man minderbemittelten Menschen helfen soll oder nicht.

Unklare Situationen

Man muss schon schnell lesen, um alles zu verstehen, denn die Untertitel lösen sich oft sehr schnell ab. Doch egal wie interessant eine Diskussion auch sein mag, es entwickeln sich lediglich Konflikte bei den Diskutierenden. Sie sind sich nicht einmal einig, noch kommt es zu einer vernünftigen Schlussfolgerung.

Die Schlussszene mit Nihal und Ismail kann man so oder so sehen. Entweder lautet das Fazit, dass, so gut Nihals Absichten auch sein mögen, sich mit Geld nicht alles „erkaufen“ lässt und schon gar nicht der Stolz eines Mannes.

Somit wären ihre philanthropischen Absichten falsch. Man kann aber auch der Meinung sein, dass, wenn man das Böse ignoriert, sich das Böse von selbst in Frage stellt und es seine Aktionen bereut. Dieser seelische Konflikt würde die Menschen läutern. Ob man zur Beantwortung dieser Fragen über drei Stunden im Kino sitzen muss, ist eine andere Sache. Sicher ist, dass Ceylan diese Dilemma in weniger als zwei Stunden hätte belichten können, ohne dass der Zuschauer in endlosen und oft wirren Dialogen ersticken müsste. Das Drehbuch basiert übrigens auf Kurzgeschichten von Anton Tschechow.