DÜDELINGEN
CORDELIA CHATON

Im Büro von Paul Lesch sieht es fast aus wie in einer Ausstellung. Filmrollen türmen sich vor großflächigen Fotos, Plakate und Bücher erinnern an nationale Größen und die Geschichte des Landes. Der Direktor des „Centre national de l'audiovisuel“ (CNA) ist sowohl Historiker als auch Filmfan. Während der mehr als zweistündigen Führung durch das Institut steckt seine Begeisterung an.

Das CNA hat viele Facetten, dient aber letztlich dem Erhalt, der Präsentation und der Bewahrung des audiovisuellen Erbes des Landes, womit Filme, Fotos, Tondokumente und vieles mehr eingeschlossen sind. „Wir führen auch Recherchen für Vereine und öffentliche Stellen durch“, erklärt Lesch. Für Filmschaffende und Schulen stellt das CNA Material zur Verfügung, beispielsweise für die Dokumentarfilme von Andy Bausch oder Anne Schroeder. „Mit unseren Fotos machen wir Ausstellungen und tragen zu Büchern bei“, erzählt Lesch, selbst mehrfacher Buchautor.
Zurzeit arbeitet sein Kollege Yves Steichen an einer Thierry van Werveke-Ausstellung. Für RTL liefert das CNA alte Aufnahmen für Rückblicke, die bis hin zu den Anfängen des RTL-Orchesters reichen, aus dem sich später die Philharmonie entwickelte. Das CNA ist ein wuchtiger Betonbau, der zu zwei Dritteln vom CNA genutzt wird und zu einem Drittel von der Stadt Düdelingen für das Kulturzentrum „opderschmelz“ und die Musikschule. Hinter dem CNA-Gebäude steht ein Wasserturm in dem eine der beiden Steichen-Ausstellungen zu sehen ist. „Im Sommer veranstalten wir im Pomhouse auch „So So Summer“, da zeigen wir Archivfotos und Filme aus CNA-Beständen, und die Bar ist geöffnet, eine sehr nette Atmosphäre mit einem Publikum, das sonst vielleicht nicht kommt“, erklärt Lesch. Das CNA ist auch für die Steichen-Ausstellung „The Family of Man“ in Clerf zuständig.

Kinos und Kolloquien

Im Hauptgebäude lagern kühl und trocken Fotos und Filme. Derzeit arbeitet das CNA an einer Lösung, damit jeder online die immense Datenbank nutzen kann. Ein schwieriges Unterfangen, denn bislang ist nicht mal klar, welcher Datenträger bis wann hält. „Wir unterstützen junge Fotografen auch mit Stipendien und führen Kurse durch, sowohl für Kinder als auch für Profis“, berichtet Lesch, während er in Richtung der zwei Kinosäle geht. Besonders stolz ist man im Haus auf die Zusammenarbeit mit dem Royal Opera House London, dessen Opern und Ballettaufführungen gestreamt werden. Der kleinere Saal hat 50 Plätze, der große 144. Hier werden auch öffentliche Konferenzen in Zusammenarbeit mit dem „Zentrum fir politesch Bildung“ organisiert. Gemeinsam mit dem Lehrerfortbildungsinstitut schult das CNA Lehrkräfte in Filmanalyse, verleiht CDs und Filme, führt Veranstaltungen für Flüchtlinge durch und unterhält Partnerschaften, beispielsweise mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, Lyzeen, den „Rencontres photographiques“ Arles oder auch dem „Centre Technologique et Informatique d’Etat“. Selbst ist das CNA auch präsent auf Konferenzen und Kolloquien.
Die Tonabteilung arbeitet gerade an einem Projekt mit dem „Holocaust Memorial Museum“ Washington. Im Tonstudio nebenan werden professionelle Aufnahmen gemacht und Filme abgemischt, während das Filmstudio unter anderem von den Schülern des Lycée Arts & Metiers genutzt wird. Für die Kleinsten gibt es Märchenstunden in der Bibliothek, die auch Filme verleiht. „Wir sind weit mehr als nur ein Archiv“, versichert Lesch. Und da war der Besuch noch nicht zu Ende. 
www.cna.public.lu

Bewegtes Archiv

Klangfetzen, Filmflimmern und Daguerreotypen im CNA

Das „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA) wurde 1989 auf Initiative von Robert Krieps gegründet und untersteht dem Kulturministerium. Zu seinen Aufgaben gehört der Erhalt, die Präsentation und die Förderung der audiovisuellen Kulturgüter und Zeugnisse in Luxemburg. Dazu gehören Ton- und Filmdokumente, aber auch Fotos. Seit 2007 befindet sich das CNA in einem neuen Gebäude in Düdelingen, welches es mit dem Kulturzentrum „opderschmelz“ sowie der städtischen Musikschule teilt. Das große Gebäude steht der Öffentlichkeit in vielfältiger Weise offen. Hier werden Filme in zwei Sälen gezeigt, hier können Besucher Dokumente in der Mediathek ansehen oder auch ausleihen. Es gibt Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen, ein Ton- sowie ein Filmstudio und unterschiedliche Ausstellungsräume.
Die rund fünfzig Mitarbeiter beschäftigen sich mit so unterschiedlichen Themen wie der Restaurierung alter Ton- und Filmaufnahmen, dem Erhalt besonderer Dokumente und der Unterstützung von Kulturschaffenden, die diese Dokumente nutzen wollen; sei es im Inland oder Ausland.

Publikum ins Haus holen

Momentan ist das CNA mit der Vorbereitung einer großen Datenbasis beschäftigt, denn bald sollen Besucher selbst am heimischen Computer die Archive durchsuchen können. Das stellt viele Anforderungen. So sind Filme sehr datenintensiv, vertragen alte Fotos kein Licht und müssen viele alte 8-mm oder 16-mm-Filme erst restauriert werden. Dann müssen unterschiedliche Datenformate angepasst werden, und es muss genug Speicherplatz zur Verfügung stehen. Da sich die Speicherformate ständig ändern, müssen gleichzeitig alte Dokumente wie beispielsweise VHS-Kassetten auf neue Datenträger übertragen werden. Noch aber liegen keine wirklichen Erfahrungswerte mit der Haltbarkeit dieser Medien vor. Die Digitalisierung kostet Geld, sorgt aber nicht unbedingt für mehr Sicherheit. Angesichts der Herausforderung arbeitet das CNA eng mit dem „Centre Technique et Informatique d’Etat“ (CTIE) und Marianne Backes vum Kulturministerium zusammen. Die Neuerung soll das CNA entlasten, das bislang viele Recherche-Anfragen erhält, sowohl von privater als auch von öffentlicher oder unternehmerischer Seite. Diese Anfragen kosten die Mitarbeiter viel Zeit, die Anfragenden aber wenig Geld.

Ohnehin gibt es zahlreiche kostenlose Angebote. So können Nutzer der CNA-Mediathek bis zu fünf Dokumente (DVD’s, CD’s, Bücher) im Monat gratis ausleihen. Das sind häufig Filme, die es weder bei Netflix noch sonst wo gibt. Der Dienst wird auch gern für luxemburgische Kinderfilme genutzt und erfordert nur eine Einschreibung in der Mediathek. (www.bibnet.lu). Das CNA unternimmt viel, um Publikum ins Haus zu holen: Von Ausstellungen mit Fotos des weltbekannten Edward Steichen, über Sommertermine mit Projektionen bis hin zu „Ciné-goûters“ für Kinder. Mehr Infos auf der Internetseite des CNA: www.cna.lu.
Im CNA lernen Besucher bei Ausstellungen wie „La Forge d´une société moderne - photographie et communication d’entreprise à l’ére de l’industrialisation Arbed 1911 - 1937“ auch, wie Ausstellungen konzipiert werden. Gleichzeitig gibt es Vorträge; beispielsweise über den Umgang mit verwaistem Archivmaterial oder die praktische Handhabung von ganz frühen Fototechniken. Denn Fotografie hat einen besonderen Stellenwert im Haus. Das CNA soll moderne Fotografie fördern und vergibt daher auch Stipendien an junge Fotografen.
Erstaunlich ist, dass das CNA nicht bekannter ist. Verdient hätte es die überaus aktive und interessante Institution allemal. Vielleicht lohnt es sich, schon mal die letzte „So So Summer“-Veranstaltung am 31. August ab 18.00 vorzumerken. Oder den Tag der offenen Tür am Denkmaltag am 7./8. Oktober. Oder einfach der Besuch der Mediathek oder des Kinos.  Cordelia Chaton