SCHIFFLINGEN
CHRISTIAN BLOCK

Die Staatlichen Kinderheime können dank gewachsener staatlicher Unterstützung zu Standards aufschließen - Warten auf die Reform

Normalerweise bewirkt ein Gesetz Veränderungen. Im Falle der seit 1884 bestehendenStaatlichen Kinderheime ist es eher umgekehrt. Bei der geplanten, aber nicht mehr rechtzeitig vor der Sommerpause verabschiedeten Reform „geht es darum, dass sich der gesetzliche Rahmen der ganzen Entwicklung anpasst“, sagt Direktorin Carine Kelsen. Anfang Juli hat der zuständige Ausschuss Änderungsanträge angenommen. Nach dem nächsten Gutachten des Staatsrats dürfte einer zügigen Abstimmung im neu zusammengesetzten Parlament kaum noch etwas im Wege stehen. Um das über die Jahre gewachsene Angebot widerzuspiegeln, sollen die „Staatlech Kannerheemer“ mit der Reform in „Staatliches Institut der Kinder- und Jugendhilfe“ („Institut étatique d’aide à l’enfance et à la jeunesse“) umbenannt werden. Nach einem handlicheren Umgangsnamen sucht man am Hauptsitz in Schifflingen aber schon.

Um einen Überblick über das Angebot in den verschiedenen Abteilungen der vergleichsweise kleinen Verwaltung zu geben, muss man etwas ausholen. Da wäre zunächst das historische Kernelement, die Kinderheime an sich. In den Heimstrukturen gibt es 64 Plätze, auf sieben Wohngruppen aufgeteilt. 60 Plätze davon sind belegt, die Zahl ist über die Jahre mehr oder weniger stabil geblieben. Eine Entwicklung hat es aber in anderer Hinsicht gegeben. „In den letzten zehn Jahren stellen wir fest, dass viele Kinder bei uns bleiben, weil die Problematik der Familie eine Rückkehr nicht ermöglicht“, führt Kelsen aus. In diesem Jahr sind bislang - Stand Anfang Oktober - lediglich zwei Kinder in ihr familiäres Umfeld zurückgekehrt. „In der Vergangenheit waren das auch schon mal 14 bis 15“, betont Kelsen, die das Phänomen auf stärker zerrüttete Familien zurückführt, beispielsweise bedingt durch Gewalt, eine psychische Krankheit oder Drogenkonsum. 85 Prozent der Kinder kommen auf richterliche Anweisung in die Staatlichen Kinderheime.

Umstellung auf Traumapädagogik

Die komplexere Lebenssituation der Kinder hat die Erzieherteams der Staatlichen Kinderheime vor neue Herausforderungen gestellt. „Weil diese Kinder eine ganz andere Problematik mitbringen, haben wir auf Traumapädagogik umgestellt“, führt Kelsen aus. „Es geht darum, das Handeln des Kindes als Teil seiner Lebenswirklichkeit zu verstehen und sich auf die Ressourcen und Stärken des Kindes zu konzentrieren. Der Erzieher aber auch das Kind selbst sollen verstehen, warum ein Kind sich auf diese oder jene Weise verhält“. Eine individuellere Betreuung und ein strukturierter Tagesablauf seien dazu erforderlich, um den Kindern Halt zu geben. „Es geht auch darum, dass Kinder, die innerhalb ihrer Familie oft schon Verantwortung haben übernehmen müssen, wieder Kinder sein können“, so Kelsen weiter.

Im Düdelinger Mäertenshaus finden etwa Kleinkinder mit Bindungsstörungen ein neues Zuhause. Mit sechs Jahren kommen sie ins benachbarte Haus, was den Vorteil hat, dass sie die anderen Kinder und die Erzieher bereits kennen. „Diese Kinder hatten schon mit zwei bis drei Jahren so viele Bezugspersonen. Da ist es wichtig, dass es nicht wieder einen Bruch gibt“, führt Kelsen aus.

Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, braucht man insbesondere in der Arbeit mit Kindern auch die nötigen Ressourcen. Den Aussagen Kelsens kann man entnehmen, dass in diesem Punkt lange Zeit Stillstand herrschte. Unter Blau-Rot-Grün habe sich das aber geändert. „Dank diesem Ministerium sind wir so gewachsen, dass wir heute den erforderlichen Standards entsprechen können“. 27 Posten kamen in den vergangenen Jahren hinzu. Heute ist Kelsen für etwa 125 Mitarbeiter, umgerechnet 100 Posten verantwortlich. In Zukunft wird sich diese Zahl wahrscheinlich in Richtung 150 Posten weiterentwickeln. „In der Wohnbetreuung kommen wir heute auf einen Schlüssel von sieben Posten pro Gruppe. Das ermöglicht es uns, Schichten doppelt beziehungsweise dreifach zu besetzen und auch an Wochenenden doppelt zu besetzen. Man muss bedenken, dass schwierige Augenblicke nicht ausbleiben, wenn manche Kinder über das Wochenende ihre Familien besuchen können und andere nicht“. Dass es für die Erzieher keine einfache Arbeit ist, wenn Kinder immer wieder ihre Grenzen oder die anderer Kinder ausreizen und die Beziehung, das Vertrauensverhältnis, das sie aufzubauen versuchen, aufs Spiel setzen; daraus macht Kelsen keinen Hehl. Sie sieht allerdings auch, dass die neue Methodik ihre Früchte trägt und einen stabilisierenden Effekt auf Kinder hat. Zudem wird die Weiterbildung mit der geplanten Reform eine wichtigere Rolle einnehmen. Genauer gesagt werden die Erzieher alle zwei Jahre 40 Stunden Weiterbildung absolvieren müssen. Bislang war dieser Aspekt von der Initiative der Leitung der Institution abhängig.

Der Elternarbeit wird, trotz nicht immer einfacherer Verhältnisse, eine große Bedeutung zugeschrieben. Besonders zu Beginn der Maßnahme sei es wichtig, zu den Eltern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, welches es ermöglicht, Probleme aufzugreifen und gemeinsame Ziele, zum Wohl des Kindes, zu formulieren. Für jedes Kind wird ein Zukunftsprojekt aufgestellt. Unter Berücksichtigung der richterlichen Anweisungen holen die Mitarbeiter die Perspektive der Eltern und der Kinder ein. Das kann der Wunsch eines Kindes sein, seine Eltern häufiger sehen zu können oder eines Elternteils, Arbeit zu finden. „Dann schaut man, wie man sich diesem Ziel annähern kann“.

In den Aufgabenbereich der Staatlichen Kinderheime fallen dann auch die Begegnungen unter Aufsicht zwischen Eltern und Kindern bei der Wahrnehmung des Besuchsrechts. Der „Service Treff-Punkt“ wird sein Angebot zur Ausübung des Besuchsrechtes zwischen Kindern und Eltern weiter ausbauen. So werden die Besuche zwischen Kindern und Eltern mit einer psychischen Erkrankung individueller begleitet werden können. Außerdem wird der „Service Treff-Punkt Prison“ sein Angebot für Besuche zwischen Kleinkindern und inhaftierten Eltern erweitern, führt Kelsen aus.

Im Gespräch legt die Direktorin Wert darauf, dass die Eltern in den meisten Fällen die Verbindung zu ihrem Kind aufrechterhalten. „Die meisten Eltern sind glücklich darüber, in diesen Prozess eingebunden zu sein. Es geht auch darum, dass die Kinder wissen, dass sich ihre Eltern weiter um sie kümmern“.

Da immer mehr Kinder zehn bis 15 Jahre in den Einrichtungen der Staatlichen Kinderheime verbringen, ist das Angebot für junge Erwachsene in den vergangenen Jahren gewachsen. 1988 fing der „Service de logement en milieu ouvert“ (SLEMO) mit einer einfachen Dachgeschosswohnung im Foyer Dr. Colling in Düdelingen an. Durch Unterstützung der „Frënn vun de Staatleche Kannerheemer“ folgte bald die erste Jugendpension ebenfalls in Düdelingen. Heute leben 22 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 27 Jahren in der so genannten Nachbetreuung. Denn mit dem Erreichen der Volljährigkeit besteht für sie eigentlich keine Verpflichtung mehr, in der Institution zu bleiben.

Die problematische Situation auf dem Wohnungsmarkt hinterlässt allerdings auch hier ihre Spuren. Es gibt aber auch andere Ursachen. Situationen, in denen junge Frauen Hals über Kopf zu einem Freund ziehen, die Beziehung dann aber schnell in die Brüche geht. „Das sind oft fragile Situationen“, weiß Kelsen. Aus diesem Grund besteht auch die Möglichkeit, dass junge Paare von Erziehern der Staatlichen Kinderheime betreut werden. „Als staatlicher Akteur haben wir die Chance, nicht Bestandteil des Pauschal-Systems zu sein“, bemerkt Kelsen. Die Verwaltung kann über ein eigenes Budget verfügen. Für 2018 setzte der Staat ein Gesamtbudget von 9,35 Millionen Euro an. Die laufenden Kosten machen dabei rund eine halbe Million Euro aus, für die Abteilung „Treff-Punkt“ sind es nochmal 275.000 Euro. Diese Freiräume nutzt die Einrichtung konsequent. Eine Wohnung stellt die Institution beispielsweise einer jungen Frau zur Verfügung, die derzeit noch ihren Bachelor macht. Sie wird nach ihrer Rückkehr weiter dort wohnen können, bis sie auf eigenen Beinen stehen kann. In drei Gruppen nimmt die Institution prioritär Geschwister auf, bei denen in Einrichtungen anderer Träger das Risiko bestünde, dass sie voneinander getrennt werden. In Schifflingen gibt es zudem eine gemischte Gruppe, in der auch vier Kinder leben, die als unbegleitete Asylbewerber ins Land gekommen sind .

Therapeutisches Angebot im Norden geplant

Das therapeutische Angebot der Institution wird derweil noch wachsen. In „Wuelessen“ (Wahlhausen) in der Gemeinde Parc Hosingen im Norden des Landes soll ein neues therapeutisches Zentrum in einem Haus entstehen, das dazu noch umgebaut werden muss. Im Süden ist die Direktorin derzeit auf der Suche nach einem Grundstück, wo das heute in Düdelingen angesiedelte psychotherapeutische Tageszentrum „Andalê“ und ein geplantes ambulantes Konsultationszentrum in einem Neubau integriert werden können. Im aktuellen Gebäude wird dann eine psychotherapeutische Wohngruppe entstehen. Darüber hinaus hat die Direktorin der Institution Pläne für intensivpädagogische Wohngruppen, um den besonderen Bedürfnissen der betreuten Kinder gerechter werden zu können. Aber das bleibt vorerst Zukunftsmusik .