LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Schulleistungsuntersuchung PISA: Luxemburg weiterhin im Mittelfeld - Komplexe Realitäten hinter den Zahlen

Seit 2000 unternimmt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) alle drei Jahre im Rahmen des „Programme for International Student Assessment“ (PISA) Schulleistungsuntersuchungen bei 15jährigen was Leseverständnis, Mathe und Wissenschaften anbelangt. Durch die Bank bleibt Luxemburg auch bei der 7. PISA-Studie, an der in 79 Ländern rund 600.000 Schüler teilgenommen haben, davon 5.230 in 44 Schulen im Großherzogtum, unter dem OECD-Durchschnitt, wie aus den gestern veröffentlichten Resultaten hervorgeht. Bei der Lesekompetenz erreicht das Land einen Durchschnitt von 470 Punkten (gegenüber 481 bei der Erhebung 2015 und einem OECD-Mittel von 487), bei Mathe 483 Punkte (486 in 2015, bei 489 im OECD-Mittel) und in den Wissenschaften 477 Punkte (gegenüber 483 in 2015, bei 489 im OECD-Mittel).

Höchster Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund

Zahlen, hinter denen sich allerdings komplexe Realitäten verbergen. Vor allem hat das auch im Schulsystem sehr mehrsprachige Luxemburg - das übrigens das einzige OECD-Land ist, in dem die wenigsten Schüler die Sprache (Deutsch, Französisch oder Englisch) für ihre Tests auswählen können und die wenigstens sie in ihrer Muttersprache absolvieren - mit knapp 55 Prozent den höchsten Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund in der OECD (13 Prozent). Ein Anteil, der 2009 noch bei 40 Prozent lag. Wie die Organisation schreibt, waren drei von acht solcher Schüler sozio-ökonomisch benachteiligt, was wiederum dem OECD-Durchschnitt entspricht. „Das Verhältnis zwischen sozio-ökonomischem Statuts und der PISA-Leistung ist in Luxemburg stärker als in allen anderen Teilnehmerländern“, unterstreicht die Organisation. Bei der Lesekompetenz etwa liegen Schüler aus benachteiligten Haushalten 122 Punkte hinter Schülern aus nicht-benachteiligten Haushalten.

Allerdings haben sich die Unterschiede in diesem Bereich zwischen den Leistungen von Schülern mit Migrationshintergrund und solchen ohne in den vergangenen Jahren reduziert - von 52 Punkten 2009 auf 35 Punkte 2018. Benachteiligte Schüler haben meist auch weniger Ambitionen, ein Hochschuldiplom zu erreichen.

Aus der weitreichenden Erhebung, die auf rund zwei stunden kognitiven Tests beruht sowie 45 Minuten für die Ausfüllung des Fragebogens, geht zum Beispiel auch hervor, dass 25 Prozent der Schüler nicht das Mindestkompetenzniveau erreichen, dass 59 Prozent der Schüler und 39 Prozent der Schülerinnen angeben nicht aus Lust zu lesen, 21 Prozent der Schüler sich ein paarmal im Monat gemobbt fühlen und lediglich 38 Prozent der Eltern sich bei einem Lehrer über den Fortschritt ihrer Kinder erkundigt haben...

Das ergiebige Zahlenmaterial wird nun von den zuständigen Stellen im Unterrichtssystem weiter analysiert. Viel Neues sei im Grunde aber nicht daraus herauszulesen, so der Tenor gestern morgen bei einer Pressekonferenz im Bildungsministerium: Es untermauere die Herausforderungen, denen die Schule in Luxemburg gegenüber steht und für deren Messung und Lösungsfindung sich Luxemburg in den vergangenen Jahren einige Instrumente gegeben hat, wie das „Luxembourg Center for Educational Testing“ (LUCET) das 2021 den nächsten Bildungsbericht herausbringen soll oder das unabhängige Observatorium der Schulqualität.

Auch wurden Maßnahmen getroffen, um die Herausforderungen zu meistern. Da die Leistungsschere im System sehr früh auseinander gehe, setze man auf den frühen Erwerb von Sprachkenntnissen. Zur besseren Integration von Kindern mit Migrationshintergrund wird das Sprachenangebot weiter diversifiziert, die Orientierung insgesamt verbessert. Das Bildungsministerium arbeitet an einem Aktionsplan für den Vorbereitungsunterricht auf die Sekundarstufe, der auf eine gezieltere Begleitung der Schüler hinausläuft und auf praxisnähere Kurse. Im kommenden Jahr steht eine Kampagne an, um die Lust am Lesen weiter zu fördern.

Einmal aussetzen

Den Mehrwert der PISA-Studie sieht das Bildungsministerium vor diesen Hintergründen als „begrenzt“ an und will sich wie bereits 2018 angekündigt, stärker auf die nationalen Studien konzentrieren sowie auf den Aufbau eines Monitoring-Netzwerks mit Regionen, in denen ähnliche Herausforderungen für die Bildungssysteme sich stellen wie in Luxemburg. Genannt wurden etwa Südtirol und Ostbelgien. Man sei nicht gegen ein internationales Monitoring, aber alle drei Jahre eine PISA-Studie durchzuführen findet das Ministerium zu häufig, zumal die Übung auch sehr aufwändig und somit teuer ist. Sie alle sechs Jahre zu machen hätte zudem den Vorteil, ein nüancierteres Fortschrittsbild zu bekommen in einem Bereich in dem man „in Jahrzehnten“ denken müsse, wie es gestern hieß. Luxemburg wird also 2021 ein erstes Mal „aussetzen“ und erst 2024 wieder bei PISA mitmachen - dann soll übrigens auch Englisch und die „Coding“-Kompetenz der Schüler untersucht werden.

Der PISA-Länderbericht zu Luxemburg: tinyurl.com/PISALuxemburg2018