ALZINGEN
CLAUDE KARGER

Weshalb das Unternehmen Stugalux Roboter auf seinen Baustellen einsetzt

Nein, bleiben Sie ruhig stehen“: Stugalux-Chef Joël Schons muss dauernd gegen den Reflex seiner Gäste ankämpfen, den vierbeinigen „Spot“-Robotern aus dem Weg zu gehen. Denn so manchem wird etwas mulmig, wenn eins der gelben Geräte, die einem Science-Fiction-Film entsprungen scheinen, auf ihn oder sie zusteuert. Die Kollisionsgefahr ist allerdings gering, denn die kamera- und sensorenbewehrten Computer mit den servomotorgesteuerten Beinen kalkulieren dauernd ihre Route, um Hürden aus dem Weg zu gehen.

„Würden Sie sich jetzt hinlegen, würde er auf Sie drauf steigen und weiter gehen“, spasst ein Stugalux-Mitarbeiter, der einen der beiden firmeneigenen Roboter steuert, den er gerade die Treppen in dem Rohbau in Alzingen hat hochlaufen gelasse, wo gestern ein Ortstermin mit Mittelstandsminister Lex Delles, seinen Mitarbeitern und Pressevertretern stattfand.

Auch dem Minister war zunächst leicht mulmig, als man ihm anbot, einen der „Spots“ zu steuern. Nicht zuletzt, weil ein Gerät alles in allem mit rund 100.000 Euro zu Buche schlägt. Aber die Steuerung ist völlig intuitiv. Wer schon einmal einen Spielkonsolen-Controller in der Hand hatte, findet sich gleich zurecht. Der „Spot“-Controller ist natürlich größer, mit Schirm, auf dem man sehen kann, was die Kameras des Roboters gerade filmen. Und: Das Hightech-Produkt ist kein „Gimmick“, kein Spielzeug, denn es soll künftig Produktivität und Präzision am Bau deutlich erhöhen. „Spot“ kann so autonom personalintensive und zeitraubende Aufgaben wie eine Baustellenkontrolle übernehme. Sind die Mauern gerade? Wurde korrekt gegipst? Sind die Kabel so verlegt, wie sie sollen? Alle Fenster eingesetzt? Die Steckdosen ordnungsgemäß platziert? Mit einem Rundum-Scanner versehen kann das Gerät bis auf den Millimeter genau messen, ob die ausgeführten Arbeiten auch den Plänen im „Cloud“, mit denen es die vor Ort gesammelten Informationen vergleicht,  entsprechen. Je nach erwünschtem Präsizisiongrad dauert das zwischen 20 Minuten und vier Stunden bei einem der Häuser, die Stugalux an der Baustelle in Alzingen – eine von 300 im Land – errichtet.

Mittelstandsminister Lex Delles (M.) legte selbst Hand an - Lëtzebuerger Journal
Mittelstandsminister Lex Delles (M.) legte selbst Hand an

Zeit und Geld sparen

„Es ist eigentlich nicht mehr als ein weiteres Instrument, die Weiterentwicklung des Handwerksgeräts“, sagt Joël Schons zum Roboter, „die große Herausforderung ist das Datenmanagement.“ Das fängt schon bei den Bauplänen an. „Building Information Modeling“ – kurz BIM – heißt im Bausektor seit Jahren schon das Zauberwort. Dabei geht es darum, alle Informationen einen Bau betreffend zu digitalisieren. Die Pläne des Architekten sowieso, die Art der Materialien, die verwendet werden, die Stellen, an denen später Strom- und Wasseranschlüsse angebracht werden sollen. Es geht um Wissen. Und Wissen spart Zeit und Geld.

Das weiß jeder, der schon einmal eine Mauer wieder aufreißen musste, weil ein Wasserhahn falsch gesetzt wurde oder Fliesen austauschen lassen musste, weil das falsche Modell verwendet wurde. Stugalux ist bereits seit über einem Jahrzehnt im BIM-Bereich tätig und hat sogar eine Lösung für mittelständische Betriebe entwickelt, die es vor zwei Jahren bei der „Autodesk Academy“ in Las Vegas vorstellte. Der Softwareentwickler ist bekannt für 2D- und 3D-Modellprogramme wie AutoCAD, die in vielen Produktdesignfeldern sowie in der Architektur genutzt werden. Auf dieser Fachmesse, erzählt Projektkoordinator Patrick Moes, sei ein Kontakt mit Boston Dynamics hergestellt worden, der Roboterschmiede aus Massachusetts, die heute zum japanischen SoftBank-Konzern gehört.

Die Steuerung ist sehr intuitiv - Lëtzebuerger Journal
Die Steuerung ist sehr intuitiv

Extreme Bedingungen

Stugalux wurde ins „Early Adopter“-Programm aufgenommen, um die „Spots“ unter realen Bedingungen zu testen und das Produkt, das übrigens einst für die US-Armee entwickelt wurde und dort auch weiterhin als Späher im Einsatz ist, mit den Erkenntnissen aus der Praxis weiter zu verbessern. Wie nervenaufreibend die praktischen Tests sein können, weiß Joël Schons zumindest, seit einer seiner teuren „Spots“ eine Wendeltreppe runter purzelte. Es ist wichtig zu wissen, mit welchen Situationen die Plattform, die mit verschiedenen Messgeräten und sogar mechanischen Armen ausgerüstet werden kann, nicht klar kommt. Auch diese Anwendungen werden laufend getestet. „Die Bedingungen auf dem Bau sind natürlich extremer, als wenn es etwa um die Verteilung von Medikamenten in einer Klinik geht”, sagt Joël Schons mit Hinweis auf die vielfältigen Einsatzgebiete für die Boston Dynamics-Roboter.

Rund 100.000 Euro kostet der Roboter alles in allem - Lëtzebuerger Journal
Rund 100.000 Euro kostet der Roboter alles in allem

Eine Menge Fragen zu lösen

Er ist jedenfalls überzeugt, dass solche Roboter bald schon in vielen Sparten zum Alltag gehören werden. Das setzt allerdings voraus, dass das richtige Umfeld für sie geschaffen wird. Es gibt nämlich noch eine Menge Probleme zu lösen. Etwa bei der Interaktion zwischen verschiedenen Geräten: wie kann ein „Spot“ sich etwa mit einer Drohne oder anderen Robotern austauschen? Unter welchen Bedingungen darf er autonom arbeiten? Derzeit muss jedes Gerät von einem Facharbeiter beaufsichtigt werden, der es notfalls stoppen kann. Die „Spots“ etwa über Nacht selbständig auf Baustellenkontrolle zu schicken, ist demnach noch nicht möglich. Eine andere Herausforderung sind Datenstandards und überhaupt die Digitalisierung aller Informationen rund um den Bau. Dass etwa alle Baupläne digital vorliegen ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Dann stellen sich Fragen um die optimale Datenverwendung und den Informationsaustausch, sowie um die „digitale“ Aus- und Weiterbildung aller an einem Bauprojekt Beteiligten. Fragen, deren Beantwortung eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis erfordert. Dass die Vernetzung zwischen Architekt, Handwerker, Zulieferer, Verwaltungen usw. enormes Potenzial für Zeitgewinn und Kosteneinsparungen birgt, liegt auf der Hand. Alles ist hier im Fluss. Und dass sich autonome Roboter auf Baustellen tummeln nur eine Frage der Zeit.