DÜDELINGEN
CLAUDE MULLER

Das Trio Beirach-Mraz-Hübner „opderschmelz“

Anders als Dave Holland, der am vorletzten Wochenende mit seiner Band „PRISM“ das Erbe von Miles Davis in fein verarbeiteter Form präsentierte, zeigte sich am vergangenen Freitag ein weiterer Starbassist, nämlich der ursprünglich aus der Tschechoslowakei stammende George Mraz, eher von seiner konservativen Seite, allerdings mit sämtlichen Schikanen und Finessen, die die Entwicklung des modernen Kontrabassspiels zu bieten haben.

Aufregend und intensiv

Selten hat man ein solch aufregendes und anregendes Konzert erlebt, wo die Schönheit der Klangmalerei aus höheren Sphären und die groovende Basis des kompakten Ensembles mit der intakten Integrität einer Combo so intensiv vereint waren. Kein störendes Gespräch seitens des emotionalisierten Publikums war zu bemerken, sprachloses konzentriertes, gebanntes Zuhören und Mitverfolgen der einzelnen Strukturen des Programms standen relevant im Vordergrund.

Wie der symphatische Pianist Richie Beirach ankündigte, bestand das Programm aus drei Sparten, nämlich Klassikern der Jazzliteratur- gleich zu Beginn bekamen wir eine mitreißende Version von der Miles Davis / Bill Evans Koproduktion „Nardis“ aufgetischt - Eigenkompositionen und Juwelen aus der europäischen Klassik.

So war dann das verklärende Arrangement über Themen des ungarischen Komponisten Bela Bartok und Johann Sebastian Bach ein Höhepunkt der abwechslungsreiche Performance, während die Standards „My Romance und You Don’t Know What Love Is“, passend oder unpassend zum Valentinstag, wieder die Bodenständigkeit zur Tradition und das exemplarische Aufeinandereingespieltsein des Trios dokumentierten.

Eine andere bemerkenswerte Rarität war, dass George Mraz bei jeder Interpretation eine völlig andere, dem Charakter der jeweiligen Komposition angepasste Stilistik anwendete und damit sowohl die souveräne Beherrschung seines Instruments bewies, wie den breitgefächerten musikalischen Strukturen des Repertoires in feinfühliger Art gerecht wurde. Sowohl sein musikalischer Einfallsreichtum wie die stabile Basis bei den Swingeinlagen und seine dominante Rolle bei den lyrischen Momenten mit gestrichenem Bass trugen zu einem großen Teil zu einer perfekten Demonstration verschiedenster kulturellen Traditionen in den Bereichen der klassischen Musik wie der Jazzgeschichte bei.

Eigentlicher Star des Abends war aber ohne Zweifel der kongeniale Pianist Richie Beirach, der in bewusst intellektueller Manier die Band, die in unregelmäßigen Abständen seit immerhin 15 Jahren zusammen arbeitet, mit seiner ausgeweiteten Harmonik, lyrischen Klangformen und rasanten, virtuosen Ausbrüchen in seinen Improvisationen prägte. Auch bei Violonist Gregor Hübner war die Verbundenheit zur Tradition europäischer Musik deutlich zu hören, bei seinen Improvisationen grüßte auch der Vater der Jazzgeige Stéphane Grappelli - daran kommt wahrscheinlich kein Jazzgeiger vorbei - aber seine wahre Stärke zeigte er in überwältigenden Solokadenzen der Weltklasse. Ein besonderes Atout des einzigartigen Dreigespanns war die vorbildliche Demonstration oder Einführung in die Kunst des Duos, die in den drei möglichen Kombinationen äußerst abwechslungsreich präsentiert wurde, die des Solos und der kompaktesten Form der Pianotriocombo, wie wir sie eigentlich nur von Keith Jarret oder Bill Evans kennen. Dass ein schlagzeugloses Trio besonders intensiv swingen kann, machte ebenfalls einen großen Teil des uneingeschränkten Hörgenusses aus.

Eine permanente rhapsodische Elegie ohne schnelllebende Effekte ließen uns die nicht zu überbietende intime kammermusikalische Form eines wahren Glücksmoments, zu dem auch noch die wohltuende Akustik des angenehmen Konzertsaal des Düdelinger Kulturzentrums beitrug, ohne Einschränkung genießen.

Eine willkommen Überraschung war ebenfalls, dass die nach dem Konzert angebotene CD, die 2012 live in der alten Kirche Boswil aufgenommen wurde, genau das eben gehörte Programm beinhaltet.