LUXEMBURG
PASCAL STEINWACHS

Blixa Bargeld kündigt neue Platte der Einstürzenden Neubauten für 2019 an

Nach 2004 und 2008, wo die Einstürzenden Neubauten in der Escher Kulturfabrik beziehungsweise in der Rockhal gespielt haben, traten sie am Dienstag im Rahmen des „rainy days“-Festivals in der Philharmonie auf, um dort ihre „Greatest Hits“ zum Besten zu geben, die allerdings nur die Zeit der aktuellen, nun auch schon wieder über 20 Jahre bestehenden Besetzung der Band abdecken. Wir nutzten die Gelegenheit, am Mittwochmorgen mit Neubauten-Chef Blixa Bargeld zu sprechen, den wir bereits im Dezember 1989 interviewt hatten. Am Mittwochabend hatte Blixa Bargeld dann auch noch eine Lesung im hauptstädtischen Casino, dies im Rahmen der Ausstellung „Celebration Factory“ von Filip Markiewicz.

Wie lebt es sich als lebende Legende?

Blixa Bargeld Na ja, manche Sachen sind einfacher. Andere Sachen werden dadurch ein bisschen behindert, aber ich habe nichts dagegen.

Schaut man sich die Publikumsreaktionen auf Ihrem Konzert an, dann scheint Ihre Musik auch nach 38 Jahren immer noch sehr vielen Leuten sehr viel zu bedeuten. Für einen Künstler kann es eigentlich nichts Schöneres geben..

Bargeld Nö, das ist gut...

Die Einstürzenden Neubauten sind eine der wenigen Bands, die nicht so tun, als wären sie immer noch 20, und die somit in Würde gealtert sind und nicht bis in alle Ewigkeit „Seele brennt“ oder „Letztes Biest am Himmel“ spielen. Sie hätten es sich auch einfacher machen können...

Bargeld Ja, klar, man hätte das immer weiter wiederholen können.

Sie spielen also definitiv keine alten Stücke mehr?

Bargeld Na ja, wir haben nur noch ein älteres Stück im Programm, das ist „Salamandrina“, das haben wir aber in Luxemburg nicht gespielt. Wir haben uns da bewusst auf die Dinge beschränkt, die diese Neubauten-Formation 3.0 hervorgebracht hat, und diese Formation ist inzwischen ja auch schon über 20 Jahre zusammen...

... und die Leute sagen noch immer die neuen Neubauten...

Bargeld (lacht)... ja, ja, 20 Jahre reichen auch noch nicht.

Auf dem Konzert in der Philharmonie waren aber auch viele Leute, die die Neubauten noch nie gesehen haben...

Bargeld Ja, ja, das passiert immer noch, das ist ja eigentlich auch sehr angenehm. Man sollte auf der Bühne nicht den Eindruck haben, dass das Publikum immer jünger wird, wir werden immer älter. Das Publikum ist sozusagen immer genauso alt, aber da wachsen tatsächlich immer Leute nach. Ich habe aber auch richtiges Philharmoniepublikum gesehen - mit Anzug und Krawatte.

Die Melancholie und die Romantik sind in Ihrer Musik immer noch vorhanden. Sind Sie ein Romantiker?

Bargeld Es spielt schon zu einem gewissen Teil in meiner Sozialisation mit, ja.

Sie haben sich von einer Westberliner Underground-Ikone zum Dandy entwickelt, der viel Wert auf gutes Essen und gute Kleidung legt...

Bargeld Das ist die falsche Vorstellung eines Dandys. Man darf das historisch nicht falsch sehen. Der Dandy ist Beau Brummell; dieser ist politisch aktiv und lebt in der Verbannung. Gutes Essen und gute Kleidung sind der sogenannte Stutzer. Die meisten Dandys wollten gar nicht als solche bezeichnet werden, Baudelaire zum Beispiel, weil es schon immer dieses Verwechseln von Stutzertum mit Dandyismus gab.

Hätte sich der junge Blixa vorstellen können, einmal viel Wert auf gute Kleidung zu legen?

Bargeld Wer legt denn keinen Wert auf gute Kleidung!

Ja, aber in Ihrer Anfangszeit trugen Sie ja Gummianzüge...

Bargeld Andrew (Unruh) hatte einen Gummianzug - einen Taucheranzug. Ich trug Leder.

Wo waren Sie in Luxemburg essen?

Bargeld Ich habe den Tag damit begonnen, mich zu übergeben. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas esse.

Oh!

Bargeld Hmm...

Ich habe die Frage nur gestellt, da Sie in ihrer Litanei „Europa kreuzweise“ ja in Bezug auf das Publikum in einem bekannten Luxemburger Restaurant vom „üblichen Gesocks für ein besterntes Restaurant“ geschrieben haben.

Bargeld Sie dürfen das nicht alles für pure Wahrheit nehmen. Das Buch ist konstruiert. Da sind ein paar Sachen drin, die sind erfunden. Man darf das Buch nicht als authentischen Tourbericht missverstehen.

Sie waren aber schon öfters in Luxemburg?

Bargeld Wie ich heute erfahren habe, habe ich schon drei Mal in Luxemburg gespielt.

Und was verbinden Sie mit Luxemburg?

Bargeld Nicht viel. Ich habe seit meiner Ankunft nicht viel gesehen. Auch musste ich von 10.00 bis 14.00 warten, bis ich mein Hotelzimmer überhaupt beziehen konnte...

Wie viel Spaß machen Ihnen Konzerte nach so langer Zeit noch, zumal es auf Ihrer „Greatest Hits“-Tour bei jedem Auftritt das Gleiche zu hören gibt?

Bargeld Viel. Die Philharmonie war besonders angenehm, weil es klang wirklich gut, und das Publikum war auch wunderbar. Es war sehr, sehr angenehm, hier zu spielen.

Kam das Verbot, mit dem Handy zu fotografieren, von Ihnen?

Bargeld Nee, nee, das kam alles von der Philharmonie. Wir sprechen keine solchen Verbote aus.

Der Klang beim Konzert war aber auch wirklich perfekt...

Bargeld Danke!

Sie haben auch noch eine Lesung in Luxemburg? Was macht Ihnen mehr Freude? Konzerte oder Lesungen?

Bargeld Ich mache eigentlich nie Lesungen. Ich mag keine Lesungen. Ich bin von diesem Künstler (Filip Markiewicz) gefragt worden, ob ich etwas aus meinem Buch „Europa kreuzweise. Eine Litanei“ vorlesen könnte, und das mache ich. Ich kenne aber weder den Künstler, noch glaube ich, dass das, was ich da lese, besonders gut in diesen Rahmen passt. Ich weiß nicht einmal, was der Rahmen ist...

Was ist wichtiger: Musik oder Text, und was kommt zuerst?

Bargeld Na ja, meistens kommt die Musik zuerst, und dann kommt die leidige Aufgabe, das dann auch irgendwie mit Text zu versehen. Da bin ich ja dann alleine. Wenn ich Ideen mitteilen will, schreibe ich diese in der Regel am Klavier, so schlecht ich auch spiele.

Ist in Zukunft noch mit einer regulären Neubauten-Platte zu rechnen?

Bargeld Ja. Das ist eine relativ neue Entscheidung.

Und wann? In der nahen Zukunft?

Bargeld Ich hoffe, dass wir die 2019 fertigkriegen. Ich habe gemerkt, ich muss noch eine machen.

Neben den Neubauten sind Sie ja auch noch in eine ganze Reihe von Nebenprojekten wie mit Teho Teardo oder Alva Noto involviert. Ist da was geplant?

Bargeld Das Neueste sind Kiku feat. Blixa Bargeld und Black Cracker, mit denen ich gerade in Paris gespielt habe. Mit Carsten Nicolai (Alva Noto) werde ich im Frühjahr wieder live spielen, und mit Teho habe ich schon ein neues Stück fertig.

Welche Musik hören Sie privat? Noch immer Country?

Bargeld Ich höre durchaus Country; neue Informationen beziehe ich aber hauptsächlich aus solchen Radiosendungen wie „Late junction“ bei BBC 3.

Gesprochen wurde im Interview unter anderem auch noch über die Aufnahmen von „Silence is sexy“, über die Zeit, wo Bargeld in Peking und San Francisco (wo der Klassiker „Nagorny Karabach“ entstanden ist) gelebt hat, über ein Konzert mit Keiji Haino, sowie über Christiane F.