LONDON
AP

Britische Autoindustrie fürchtet um ihre Zukunft

Im Ford-Werk in Dagenham geht alle 30 Sekunden ein Motor vom Band. Die Fabrik ist hochmodern und hat zugleich Tradition. Insgesamt 2,5 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) hat der Automobilkonzern aus den USA in den Standort am östlichen Stadtrand von London investiert. Zum ersten Spatenstich im Jahr 1929 war Edsel Ford, Sohn des Firmengründers Henry Ford, sogar persönlich angereist.

Auf der einen Seite mag es daher selbstverständlich erscheinen, dass eine plötzliche Stilllegung der Fabrik ausgeschlossen ist. Auf der anderen Seite würde aktuell aber wohl kaum ein Experte darauf wetten.

Denn mit dem Brexit werden die Karten komplett neu gemischt. Sollte Großbritannien den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren, müssen die 3.150 Mitarbeiter in Dagenham sehr wohl um ihre Jobs bangen. Durch neue Zölle würde die Produktion in England vermutlich zu teuer.

„Es wird uns zu Überlegungen darüber zwingen, welche langfristigen Optionen es für unsere Investitionen gibt“, sagt Steven Armstrong, der das Europa-Geschäft von Ford leitet. „Denn eines steht fest: Wir müssen in einem wirtschaftlichen Umfeld agieren, in dem wir konkurrenzfähig sind. Deswegen ist uns sehr daran gelegen, dass die Grundlagen dafür erhalten bleiben.“

Die britische Automobilindustrie ist mit 814.000 Beschäftigten sehr wichtig für das Land. Und die Strukturen der Branche verdeutlichen beispielhaft die mit dem Brexit verbundenen Probleme. Autos werden selten komplett an einem Ort gebaut. Die einzelnen Komponenten werden in verschiedenen Fabriken vorgefertigt - Fabriken, die oft über mehrere Länder verteilt sind. Dagenham etwa ist ganz auf die Herstellung von Dieselmotoren spezialisiert. Wichtige Grundlage dieses komplexen Systems ist der europäische Binnenmarkt, durch den im Handel zwischen EU-Staaten keine Zölle anfallen.

Jedem Dieselmotor in Dagenham liegt eine Art Lebenslauf bei, der den Herstellungsprozess und Transportwege nachvollziehen lässt. Allein die Zusammenfassungen sind 56 Seiten lang. Vom Ford-Werk in Köln ging es demnach durch Belgien und die Niederlande und dann über den Ärmelkanal.

Nach dem Verarbeitungsschritt im Osten von London soll es quer durch Europa in die Türkei gehen, wo der Einbau in Kleintransporter vorgesehen ist. Für den Verkauf auf dem britischen Markt könnte ein drittes Mal eine Grenze zwischen Großbritannien und der EU überquert werden müssen.

Zölle würden Autos erheblich verteuern

Sofern die britische Regierung nicht noch ein Abkommen aushandelt, das weiterhin den Zugang zum Binnenmarkt ermöglicht, würden bei den Zöllen künftig Regeln der Welthandelsorganisation WTO gelten. Fertige Autos könnten in Großbritannien dadurch leicht zehn Prozent teurer werden, sagt Mike Hawes vom britischen Wirtschaftsverband Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT). Der Mehrpreis pro Wagen läge möglicherweise bei etwa 1.500 Pfund (1.630 Euro), „und es versteht sich, dass dies zum größten Teil an die Konsumenten weitergegeben würde“. Der Handel zwischen Großbritannien und den übrigen EU-Staaten ist bisher in beide Richtungen enorm. Nach Angaben von SMMT blieben 56 Prozent der britischen Autoexporte 2016 in der EU und 69 Prozent der Importe kamen von dort. Darüber hinaus stammten demnach die meisten der auf der Insel verbauten Komponenten vom Kontinent.

„Wir fordern Zugang zum Binnenmarkt, wir fordern die Möglichkeit eines reibungslosen Warenverkehrs zwischen Großbritannien und der EU und wir fordern Klarheit darüber, wie die Regierung das gewährleisten will“, sagt Ford-Manager Armstrong.

Temporäre Zollunion?

Premierministerin Theresa May hat wiederholt betont, dass ein Verbleib im Binnenmarkt nicht zur Debatte stehe. Ein von der Regierung angedeuteter Kompromiss könnte eine temporäre Zollunion sein, die ab dem für 2019 geplanten Austritt aus der EU für drei Jahre gelten würde. Dadurch hätten die Unternehmen zumindest etwas mehr Zeit, ihre Produktionsprozesse an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Dies wäre gerade für die Automobilindustrie wichtig, die derzeit ohnehin inmitten eines Umbruchs steckt. Um einen Wechsel hin zu umweltfreundlichen Elektroantrieben zu forcieren, hat London angekündigt, ab 2040 den Verkauf von Diesel- und Benzinfahrzeugen zu verbieten. Derzeit werden im Land pro Jahr mehr als 2,5 Millionen herkömmliche Motoren hergestellt, aber nur knapp 13.000 Elektrofahrzeuge.

Die großen Konzerne der Branche müssen also in absehbarer Zeit so oder so investieren. Die Frage ist nur: Wo? BMW will eine E-Version des Kleinwagens Mini wohl trotz des Brexits in England bauen. Um weitere derartige Investitionen anzuregen, müsse die Regierung neue Anreize schaffen, sagt Darren Jukes von der Unternehmensberatung PwC. „Wir stehen hier vor einem leeren Blatt Papier“, sagt der Branchen-Experte.

„Wir müssen jetzt nicht nur für die nächste Generation planen, sondern auch für die danach.“ Die Arbeiter in Dagenham sind sich darüber im Klaren,
dass ihnen Veränderungen bevorstehen könnten. Das Wort „wettbewerbsfähig“ taucht in den Gesprächen immer häufiger auf. Auch Samy Alakarsamy, der seit 35 Jahren bei Ford arbeitet, macht sich Sorgen. „Ich hoffe, die Zukunft findet hier statt“, sagt der 56-Jährige. Ein Umzug - etwa nach Deutschland - komme für ihn nicht infrage.