Mut haben sie schon bewiesen bei der Wahl der diesjährigen Jazz-Prestigesoiree, die Organisatoren der 61. Wiltzer Festspiele unter freiem Himmel. Nach den „Grandes Dames du Jazz“ Ella Fitzgerald und Dee Dee Bridgewater sowie den Divas Stacey Kenty und Diana Krall wurde die Reihe prominenter Vokalistinnen dieses Jahr mit der koreanischen Interpretin Youn Sun Nah fortgesetzt.
Acht Alben hat die 43-Jährige, die mittlerweile bei dem deutschen Jazzlabel ACT exklusiv unter Vertrag steht, zwischen 2001 und 2013 aufgenommen und die rezente Produktion „Lento“ stand am vorgestrigen Donnerstagabend im Mittelpunkt des spannenden Programms.
Akrobatische Intonationstechnik
Mit einer A capella-Version von „My Favourite Things“ stellte Youn Sun Nah gleich ihr sicheres Gespür für klaren Melodievortrag in den Vordergrund, während dann bei „Hurt“ und ihrer eher melodramatischen Eigenkomposition „In A Prayer“ ihre Qualitäten als instrumentale Stimmführerin dominierten.
Dass die Solistin sämtliche Register der breit gefächerten Palette des Jazzgesangs intus hat, war spätestens nach „Momento Magico“, einer Komposition des Bandgitarristen Ulf Wakenius gewusst.
Ihre akrobatische Intonationstechnik - sie setzte hier ihre Stimme vorwiegend perkussiv, gespickt mit einem Hauch von Funkphrasierungen ein - machten dieses Stück zu einem Spektakel der hohen Kunst des Scatgesangs.
Ohne Zweifel war der vielgelobte, virtuose Gitarrist, der bereits in den 1980er Jahren mit dem dänischen Starbassisten Niels Henning Oersted Pedersen zusammenarbeitete und mit diesem damals auch in Luxemburg auftrat, das Highlight der Soiree. Hier stimmte einfach alles.
Seine einfühlsame Begleittechnik bei den Balladen, die bestens dosierten solistischen Einwürfe und seine stabile Präsenz als musikalischer Leiter ließen ihn permanent im Mittelpunkt des vorzüglichen Begleittrios stehen.
Definitionsversuch
Natürlich durfte ein koreanisches Volkslied, ein trauriger Lovesong, nicht im abwechslungsreichen Programm fehlen, ehe die Solistin Youn Sun Nah ihre Liebe zum französischen Chanson mit „Avec le temps“ unterstrich und sich mit einer originellen Version des populären Klassikers „Ghostriders in the Sky“ verabschiedete.
Ob es sich schlussendlich um einen etwas besonderen Chansonabend, eine gehobene Varieteveranstaltung mit Jazzloungetouch oder um einen gelungenen Essai einer neuen Weltmusik handelte, bleibt dem, leider nicht sehr zahlreich erschienen, Publikum überlassen.


