LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

„Flyer“ der Frühen Neuzeit

Betritt man an der Universität Trier die Mensa, wird einem auf recht aufdringliche, beinahe aggressive Art und Weise ein Flyer in die Hand gedrückt. Sie werben für Partys, manchmal aber auch besondere Aktionen wie die Hochschulwahlen oder den Poetryslam. Doch ganz gleich, worum es geht: Den Flyer will man, wenn man ehrlich ist, eigentlich nicht haben, nimmt ihn aus Höflichkeit an und widmet ihm höchstens einen kurzen Blick von wenigen Sekunden. Danach verschwindet er entweder in der tiefen Versenkung der Tasche oder im Müll und gerät dort augenblicklich in Vergessenheit.

Kein Massenmedium

Der Flyer wird umsonst verteilt und es wird ein verschwenderischer Umgang mit ihm geübt. Seit Neustem aber betrachte ich ihn mit etwas anderen Augen. Das liegt daran, dass ich mich in diesem Semester mit seinem Vorgänger der Frühen Neuzeit befasse. Da mir häufiger die Frage gestellt wird, womit man sich im Germanistikstudium eigentlich auseinandersetzt, möchte ich heute ein wenig darüber erzählen.

Flugblätter, eine Lehnübertragung aus dem Französischen, „feuille volante“, sind Einblattdrucke mit einem Text und einem Bild, die in Verbindung zueinander stehen, eine gemeinsame Überschrift tragen und per Kolportage vertrieben wurden. Für zwei bis vier Kreutzer, was in etwa dem Stundenlohn eines gelernten Maurers entsprach, konnte der „Gemeine Man“, ein Vertreter des Bürgertums, unter Umständen auch der Handwerksgeselle oder Dienstherr, ein solches Blatt erwerben. Für den gleichen Preis hätte er in Augsburg auch einen Schafskopf, 12 Eier oder 250g Butter erstehen können.

Flugblätter wurden, im Gegensatz zu den Zeitungen, einmalig gedruckt in einer Auflage von maximal 1.000 bis 2.000 Exemplaren. Ein Massenmedium waren sie also, im Gegensatz zum heutigen Flyer, nicht. Das liegt zum Teil auch daran, dass der Großteil der Bevölkerung nicht lesen konnte. In Nürnberg war der Alphabetisierungsanteil der Bevölkerung mit 30-40 Prozent mit am höchsten.

Werbung, Didaktik, Propaganda

Die Flugblätter dienten ganz unterschiedlichen Verwendungszwecken. Fahrende Schausteller benutzten sie als Werbemittel für ihre Vorstellungen, zogen passende Requisiten heran, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und die Menschen zum Kauf zu bewegen. So soll ein solches Flugblatt einst vor einem Brunnen angepriesen sein worden, dessen Wasser sich rot färbte, sich also in künstliches Blut verwandelte. Ärzte vertrieben Einblattdrucke, die den heutigen Beipackzetteln von Medikamenten ähnlich waren. Auch als Unterrichtsmaterial wurden sie verwendet oder als Schmuck für Wände und Holzkästen. Heiligenblätter sollten ihren Besitzer beschützen.

Auch Satire und Moraldidaktik konnten Anlass und Zweck eines Flugblattes sein. So beklagte Georg Schan beispielsweise, dass Kinder oder Hausangestellte zu behaupten pflegten, es sei „der Niemand“ gewesen, wenn etwa das teure Geschirr zerbrochen war. Angeprangert wurde zudem das Erzählen von Lügen, Angeberei oder Trinksucht. In diesem Zusammenhang entstanden zahlreiche Phraseme und Sprichwörter wie „aufschneiden“ oder „lügen, dass sich die Balken biegen“, die dort erstmals verwendet wurden und noch heute geläufig sind.

Auch politische und religiöse Propaganda wurde betrieben. Unzählige Flugblätter erzählen von den Gräueltaten der Türken, was sich nach der ersten Wiener Türkenbelagerung 1529 zuspitzte. Die ikonographische Darstellung des „Mönchskalbs“, einem Kalb mit Eselsohren, Mönchskutte und Tonsur, wurde sowohl von Martin Luther als auch den Widersachern der Reformation instrumentalisiert, um die jeweilige Gegenposition in ein unvorteilhaftes Licht zu rücken.

Göttliche Wunderzeichen

Am spannendsten finde ich persönlich die Flugblätter, die der Prodigienliteratur zuzuordnen sind. Die Prodigienlehre, was, aus dem Lateinischen übersetzt, so viel wie „Lehre von den Wunderzeichen“ bedeutet, meint die Überzeugung, dass Naturerscheinungen als göttliche Botschaften und Warnungen zu deuten sind. Flugblätter dieser Art gliedern sich in unterschiedliche Kategorien auf. Himmelsereignisse wie Nebensonnen und Sternschnuppen galten als Vorboten des Jüngsten Gerichtes, „der Donnerstein von Ensisheim“, ein Meteoriteneinschlag, der sich 1492 ereignete und von dem Sebastian Brandt in einem Flugblatt berichtete, als Werk des Teufels. Der Stein wurde einem Gericht unterzogen und Maximilian I. ließ ihn in Ketten legen und in der Pfarrkirche aufhängen. Aus unheilvoll galten außerdem Lebewesen, die mit schweren Fehlbildungen zur Welt kamen.

Es wurde aber nicht nur von realen Ereignissen berichtet. Es gab darüber hinaus Meldungen von einem mysteriösen „Kornregen“, bei dem Getreide von Himmel gefallen sein soll, Berichte von einer Familie, die in einen plötzlichen und endlosen Schlaf fällt, oder einem zwölfjährigen Mädchen, das seit 16 Monaten keine Nahrung zu sich genommen hat. Ganz gleich, wie fantastisch sie auch erscheinen, stets wird betont, dass es sich um „unerlogene“ und „wahrhaftige“ Ereignisse handelt, die unbedingt als Anlass zum Gebet genommen werden sollten. Der Vorwurf, „Fake News“ zu verbreiten, war also offenbar schon damals verbreitet!

Alles in allem sind Flugblätter ein wahrer Schatz, weil sie eine Menge über Sprache, Ansichten, Mentalität, Ängste, Tugenden und Wertvorstellungen der Frühen Neuzeit verraten. Und wer weiß, vielleicht werden in ein paar hundert Jahren Forscher staunend die Flyer der Trierer Mensa unter die Lupe nehmen!