PEARL HARBOR
MICHAEL DONHAUSER

Obamas letzte große internationale Geste geht von historischer Stätte in Pearl Harbor in Richtung Japan

Nur ungefähr 15 Kilometer liegen zwischen dem Kapiolani Medical Center in Honolulu und den historischen Stätten von Pearl Harbor. In dem Krankenhaus wurde im August 1961 Barack Obama geboren. Der Lärm von Kampfflugzeugen und Bombenexplosion war da schon fast 20 Jahre verhallt. Pearl Harbor, das japanische Kampfbomber am 7. Dezember 1941 ohne Kriegserklärung angegriffen hatten, wurde in den USA zum Synonym für die Schrecken des Krieges. Unter dem traumatischen Eindruck entschlossen sich die Vereinigten Staaten schließlich zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg.

2.400 Amerikaner starben bei Angriff, 1.000 weitere wurden verletzt. Ein schwimmendes weißes Denkmal auf den Wellen des Pazifischen Ozeans markiert noch heute die Stelle, an der einst das Kriegsschiff USS Arizona sank. Hunderte japanische Flugzeuge hatten die Amerikaner auf dem falschen Fuß erwischt - die US-Streitkräfte waren völlig unvorbereitet, führende Offiziere wollten die Möglichkeit eines Angriffs bis zum Schluss nicht wahrhaben. Im Wrack der Arizona liegen noch rund 1.000 Leichen. Abe und Obama konnten durch das klare Pazifikwasser die Schiffsteile sehen.

Interessen in der Pazifik-Region

Für Obama sind Pearl Harbor, die Erzählungen der Überlebenden und der Blick auf die historischen Stätten Kindheitserinnerung. Sein Blick geht aber, wie der von Abe, nach vorne, was das Verhältnis der beiden Länder betrifft. „Unsere Allianz war nie stärker“, sagt er am Dienstag vor den Augen zahlreicher Veteranen und einiger Überlebender des Angriffs vor 75 Jahren. „In guten und schlechten Zeiten sind wir füreinander da.“

Die Welt ist kompliziert geworden, besonders auch in der Asia-Pazifik-Region. Verlässliche Partnerschaften sind wichtiger denn je. So ging es auch bei dem Gespräch hinter verschlossenen Türen weniger um die Geschichte und mehr um die Zukunft. Beide Seiten vereinbarten, den ersten und bisher einzigen Flugzeugträger der chinesischen Marine künftig noch genauer zu beobachten. Die Botschaft die von Pearl Harbor ausging war eindeutig: Japan und die USA halten zusammen, die Gefahr im Pazifik geht von China aus.

Dass Obama drei Wochen vor dem Ende seiner Präsidentschaft den japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe nicht nur zu den historischen Stätten von Pearl Harbor, sondern damit praktisch auch in seine persönliche Heimat einlud, darf durchaus als symbolhaft aufgefasst werden. Das Weiße Haus sprach von der „Kraft der Versöhnung“ - in einer Zeit, in der das Provozieren politischer Konflikte wieder hoffähig erscheint, in der auch das Erbe von acht Jahren US-Präsidentschaft Marke Barack Obama gefährdet erscheint.

Zu dem Erbe gehört auch das, was Obama ganz zu Beginn seiner acht Jahre im Weißen Haus als „pivot to Asia“ bezeichnet hatte, als „Achse nach Asien“. Er selbst sah und sieht sich als ersten wahren „pazifischen Präsidenten“, für den der Tellerrand, über den es zu blicken gilt, die US-Westküste ist, nicht mehr die Ostküste der Transatlantiker. Obama empfing als ersten ausländischen Regierungschef nach seinem Amtsantritt 2009 Japans damaligen Premier Taro Aso. Dass er als erster Chef des Weißen Hauses Hiroshima besuchte und die guten Beziehungen zum einstigen Kriegsgegner Japan untermauerte, passt in dieses Bild.

Sein Nachfolger Donald Trump stellt diesem Blick über den Tellerrand nun sein „America First“ entgegen. Das transpazifische Handelsabkommen TPP, das Obama mit Japan und zehn weiteren Ländern abschließen wollte, hat Trump bereits für tot erklärt. Allerdings hat auch Trump durchaus Interessen in Asien. China scheint er zu einem seiner Hauptfeinde erklärt zu haben - da liegt er nicht allzu weit von Obama entfernt.

Der ständig schwelende Konflikt um das Chinesische Meer ist zu einer Konstante von Obamas Außenpolitik geworden. Viele Politologen in den USA glauben, dass China hinter Nordkoreas atomarem Säbelrasseln steckt. Prompt kam Kritik an dem Treffen in Pearl Harbor auch aus Peking: Das dortige Außenministerium tönte, Japan könne niemals seine Geschichte hinter sich lassen, wenn es sich nicht zu einer friedlichen Aussöhnung mit China überwinde.