LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Intelligent Design und Deep Learning

Fraktal-Gemüse oder Schneckenhäuser stimmen mit perfekten mathematischen Formeln überein. Ja, in der Natur finden sich manchmal Muster, deren Vollkommenheit einem den Atem stocken lässt. Wie oft sieht die wunderschöne Landschaft wie von Geisterhand gemalt aus? Doch auch die Effizienz organischer Gebilde lässt uns nur staunen. Unser Körper ist zum Beispiel eine komplex interagierende Maschine, Organe, Gelenke, Muskeln, alles scheint seinen ganz bestimmten Zweck zu haben. Die Flügel der Vögel eignen sich perfekt zum Fliegen, die Nahrung der Natur hält uns am Leben. Sind dies nur glückliche Zufälle? Oder steckt tatsächlich ein Masterplan dahinter, konzipiert und verwirklicht von einer höheren Intelligenz, dem vollkommenen Wesen, Gott?

Thomas von Aquin (1224/25-1274) war von Letzterem überzeugt. Für die Existenz Gottes argumentierte er anhand Überlegungen zur Bewegung und Dynamik in der Natur. Jede Bewegung, so Aquin, muss von einem anderen, das sich selbst auch bewegt, bewegt werden. Es scheint nicht möglich, dass sich etwas spontan aus eigener Kraft ohne ein kinetisch Antreibendes bewegt. Somit wäre jede Bewegung auf eine vorhergehende Bewegung zurückzuführen, was eine unendliche Kette an sich Bewegendem bedeuten würde. Wenn auch nur ein Glied erstarrt, droht der gesamten Kette der Stillstand. Dies schien dem Gelehrten aber unmöglich, sodass er für die Notwendigkeit eines ersten Bewegers plädierte, der den Stein sozusagen ins Rollen brachte. Ein solch mächtiges Wesen, das von keiner anderen Kraft abhängig ist und alle anderen Kräfte bedingt, kann nur Gott sein. Die Physiker und Wissenschaftler von heute blicken ungläubig drein. Sie wissen die Kräfte und Prozesse der Welt und des Universums plausibel zu erklären. Für die damalige Zeit waren die Beweisschritte von Aquins jedoch bahnbrechend. Auch die erstaunliche Zweckmäßigkeit des in der Natur Auffindbaren gilt als Hinweis für einen übersinnlichen Schöpfer. Wer käme sonst auf die Idee, Tiere mit Tarnmuster zu entwickeln oder den Sauerstoffgehalt dank Photosynthese zu sichern?

500 Jahre später wurden diese Gedanken zwar bereits etwas kritischer untersucht, fanden jedoch noch immer ihre Befürworter. Der Philosoph William Paley (1743-1805) argumentierte dahingehend, dass es nicht dem bloßen Zufall geschuldet sein kann, dass ein Universum mit einer derartig interaktiven Komplexität entstanden ist. Zur Illustration setzt er folgende Analogie auf: Wenn Sie während eines Strandspaziergangs eine Uhr im Sand finden, wissen Sie schließlich auch intuitiv, dass sich diese komplexe Apparatur nicht aus einem zufälligen Wellenspiel heraus bilden kann, sondern von einem intelligenten Wesen gebaut worden sein muss. Wenn alle Einzelteile der Uhr willkürlich im Meer herumschwimmen, wird es unmöglich sein, dass sie alle an einem bestimmten Moment in einer bestimmten Konstellation aufeinandertreffen und sich zur Uhr formen. Da muss es schon jemanden geben, der Hand anlegt.

Allerdings hakt der Vergleich, schließlich können wir den Uhrmacher ja kennenlernen, ihn über sein Metier ausfragen und uns erklären lassen, wie so ein Uhrwerk überhaupt funktioniert. Eine solch handfeste Begegnung mit einem göttlichen Wesen bleibt uns aber nach wie vor vorenthalten. Die Argumentation von Kant (1724-1804) bezüglich der Unmöglichkeit eines ontologischen Gottesbeweises liefert noch einige qualitativ hochwertige Gründe dafür, Beweisschritte für die Existenz eines Schöpfers anzuzweifeln, wie eine vorhergehende Kolumne bereits aufwies. Mit dem Darwinismus kann das Wachstum und die Entwicklung der Natur ohnehin ganz erklärt werden, ohne dafür auf einen anfänglichen Schöpfer angewiesen zu sein.

Doch auch heute noch gibt es Theorien, die denen von Aquins und Paleys ähneln. Die US-amerikanischen Neokreationisten und Vertreter des „Intelligent Design“ plädieren dafür, dass sich die komplexen Eigenschaften der weltlichen Organismen gar nicht ohne eine oberste Intelligenz hätten entwickeln können, so wie auch die Zwecke der Natur nur von einem Gott erdacht sein können. Somit gedenken auch sie, den Beweis eines ersten Urhebers geliefert zu haben. Wissenschaftler und Biologen raufen sich natürlich die Haare und verweisen auf die natürliche Selektion.

Wie verhalten sich diese Überlegungen nun in Anbetracht dessen, was die exponentielle Entwicklung Künstlicher Intelligenz für die Zukunft bereithalten könnte? Selbstlernende Softwares entwickeln sich mit Hilfe von Algorithmen und Co. eigenständig weiter. Die Technik kann somit Sphären erreichen, die das menschliche, allzu menschliche Verständnis gänzlich übersteigen könnten. Haben wir uns nun tatsächlich selbst eine kreationistische Instanz geschaffen, deren Tun wir irgendwann nicht mehr erklären können? Die Neues schöpft und die nicht mehr unserer Kontrolle unterliegt? Wird dann das Vertrauen in die Technologie wieder zum Glauben an das uns Überstehende?