LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Illustratorin Julie Wagener über ihr Werk und ihren Beruf - Aktuelle Ausstellung „Beim Engel“

Natürlich habe ich immer schon gerne gemalt, es war aber nun nicht so, dass ich das seit meiner Kindheit zu meinem Beruf machen wollte. Klick hat es erst gemacht, als ich mich im ,Lycée‘ für die Kunstsektion entschieden habe. Nach dem Abitur war dann klar, dass es in diese Richtung weitergehen sollte und so habe ich mich an der ,Ecole supérieure des Arts de Saint-Luc‘ in Brüssel eingeschrieben“, erzählt die junge Illustratorin Julie Wagener während unseres Treffens in der Galerie „Beim Engel“. Sie und sechs weitere Künstler zeigen derzeit ihre Werke in der vom Kulturministerium organisierten Ausstellungsreihe, bei der es darum geht, der Kunstszene Luxemburgs in ihrer ganzen Vielfalt eine Plattform zu bieten. Die erste Gruppenausstellung „Intro_“ widmet sich der Kunstsparte „Illustration/Zeichnung“ und läuft noch bis zum 25. Juni.

Seit 2015 selbstständig

Ihr Umfeld sei anfangs skeptisch gewesen, erzählt die heute 26-Jährige weiter. „Ich selbst hatte auch gewisse Bedenken“, gibt sie zu, „aber ich wollte es versuchen, und wenn ich dann am Ende in dem Job doch nicht Fuß fassen sollte, könnte ich mir immer noch etwas anderes überlegen“. 2015 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. „Im Kreativzentrum 1535° in Differdingen waren noch Räume frei, und ich brauchte ein Atelier. Zuhause arbeiten ist nichts für mich. Als ich die Zusage hatte, gab es kein Zurück mehr“, lacht die junge Frau. Von Vorteil sei das Atelier im 1535° auch deshalb, weil dort ohnehin viele neugierige Leute vorbeischauen und sie so von der „Laufkundschaft“ profitiert.

Raum für Kreativität

Der Start war geglückt. Doch was macht eine Illustratorin überhaupt? „Die Aufgaben sind vielfältig. Als Illustrator gestaltet man nicht nur Kinderbücher, wie viele meinen“, schmunzelt sie, „Illustrationen finden sich überall, auch wenn es den Leuten nicht immer auffällt. Hinter jedem Bild auf einer Verpackung steckt ein Illustrator, demnach ein Künstler. Das will ich auch bei dieser Ausstellung verdeutlichen, weshalb ich einerseits kommerzielle und andererseits freiere Sachen zeige. Ich arbeite wohl für Kunden, muss mich aber immer mit der Arbeit identifizieren können. Ich mache nichts, was mir nicht gefällt, lasse mich folglich nicht in eine Ecke drängen, in der ich nicht sein will. Nur so kommt man weiter und macht sich einen Namen, indem man mit seinem ganz eigenen Portfolio aus der Masse heraussticht“, stellt sie klar. Es kommt also schon mal vor, dass sie Aufträge ablehnt. „Ich kann mich durchaus anpassen, muss aber immer das Gefühl haben, meine persönliche Note reinzubringen. Zwischendurch muss ich mich dennoch immer mal wieder etwas austoben und mir Zeit für eigene Sachen nehmen. Das lässt mich atmen“, sagt sie.

Wohl ist Julie Wagener hauptberuflich in gewisser Weise „Serviceprovider“, in erster Linie aber immer noch Künstlerin. Dieser Spagat gelingt ihr bislang sehr gut. Letztes Jahr hat sie für einen Zigarettenhersteller die Schachteln illustriert. „Bei diesem Auftrag wurde mir relativ freie Hand gelassen. Die Skizzen zeichne ich übrigens stets zuerst mit dem Bleistift, scanne sie anschließend und bearbeite sie dann am Computer. Ich arbeite aber nicht oft und nicht gerne mit dem Computer, Handarbeit ist mir lieber, weil sie mich wachsen lässt“, verrät sie. Auch das Album-Cover für eine luxemburgische Band hat sie gestaltet. Meist treffe sie den Geschmack des Kunden relativ schnell.

Fantastische Elemente

Mythologie, Mittelalter, Folklore sind indes Themen, die in vielen ihrer Werke wiederkehren. „Diese Thematik mit ihrer ganzen Mystik fasziniert mich seit langem. Sie auf eine neue persönliche Art und Weise zu interpretieren, ist mir wichtig. Ich recherchiere permanent, lese viel und habe einen großen Fundus an Büchern mit allen möglichen Referenzen. Oft werde ich nach der Bedeutung mancher Zeichnungen gefragt. Mir geht es aber nicht um eine Symbolik, sondern vielmehr darum, eine gewisse Stimmung zu erzeugen. Die Leute sollen die Bilder auf sich wirken lassen und sich ihre eigenen Gedanken machen“, erklärt die Künstlerin. Aus diesem Grund gibt sie ihren Werken auch keine Titel, um die Vorstellungskraft der Betrachter nicht zu hemmen.

Feinfühlige Detailarbeit

Wenn sich die 26-Jährige an die Arbeit macht, überlässt sie nichts dem Zufall. „Eigentlich zeichne ich jedes Bild mindestens zweimal, bevor ich komplett zufrieden bin. Natürlich ist es gelegentlich frustrierend, wenn man gleich ein paar Mal neu anfangen muss, bevor man die Stimmung in dem Bild hat, die man darin haben will. Das macht mir aber nun nicht so viel aus, ich wachse ja in dem Prozess und lerne daraus. Ausgangspunkt ist übrigens immer ein Detail, das ich gerne zeichnen würde Beispielsweise habe ich ein bestimmtes Muster im Kopf, und dann überlege ich, wie ich diese Details in einen funktionierenden Bildaufbau integrieren könnte“, beschreibt sie. Auf feinfühlige Details legt die Künstlerin ohnehin viel Wert, wie man unschwer erkennt.

Zwar schalte sie nie wirklich ab, trotzdem fehle auch ihr manchmal die Inspiration. „Kreativität ist nichts, was einfach so ununterbrochen aus einem raussprudelt. Es gibt keinen Knopf, auf den man eben mal so drückt und schon ist man inspiriert“, sagt Julie Wagener und lacht. Mit der Illustrierung des kommenden Programmhefts der Rotondes habe sie sich beispielsweise anfangs schwer getan: „Während der ersten Woche saß ich tatsächlich vor einem leeren Blatt und geriet bereits leicht in Panik. Dann hat es plötzlich Klick gemacht, und alles ging ganz schnell“. Wohl hat die Künstlerin inzwischen ihren ganz eigenen Stil, dennoch spricht sie von einer permanenten Weiterentwicklung. „Ich hoffe, dass ich nie ankomme, sonst würde das Ganze für mich keinen Sinn mehr machen“, sagt sie, „ich hoffe, dass ich immer neue Wege finde, um mich auszudrücken und zu arbeiten. Ich denke ständig darüber nach, was ich anders oder besser machen könnte, wo ich wachsen könnte. Jemand, der das nicht tut, tritt meiner Meinung nach auf der Stelle“.


Weitere Infos unter www.juliewagener.com. Die Ausstellung „Intro_“ „Beim Engel“ ist dienstags bis sonntags von 10.30 bis 19.00 geöffnet.